Pro: Weg mit der Präsenzarbeitskultur!

Unternehmen sollen flexible Arbeitszeitmodelle schaffen. Dann geht es endlich um Leistung und nicht mehr um bloße Präsenz. Erst dann werden auch Frauen die gleichen Karrierechancen haben wie Männer, sagt die Bremer Landesfrauenbeauftragte Ulrike Hauffe. 

Chefinnen und Chefs stehen ihrer Firma vermeintlich rund um die Uhr zur Verfügung und verschreiben sich mit Haut und Haar ihrer Karriere – so sieht das gezeichnete Idealbild aus, das auch in den Medien immer wieder neu inszeniert wird. Aber hat so ein Held des Wirtschaftslebens auch Familie?

Männer haben bis heute offensichtlich wenig Probleme damit, ihre Führungspositionen mit familiären Verpflichtungen zu vereinbaren. Die Kinder und auch die pflegebedürftigen Eltern delegieren sie an ihre Frauen, die ihnen den Rücken freihalten und dafür mit finanzieller Abhängigkeit bezahlen. Dafür helfen die Männer dann ausnahmsweise mal beim Abwasch. Frauen in Führungspositionen bleiben häufiger kinderlos, weil sie selten auf diese Rundum-Versorgung im Hintergrund zurückgreifen können.

Dass Männer die bezahlte Erwerbsarbeit und Frauen die unbezahlte Sorgearbeit leisten, funktioniert zum Glück jedoch immer weniger. Frauen sind in unserem Land mittlerweile genauso gut ausgebildet und selbstverständlich erwerbstätig wie Männer. Sie lassen sich nicht mehr auf das Umsorgen ihrer Kinder oder die Pflege von Angehörigen reduzieren, und sie können es sich auch nicht leisten. Auch viele Männer wollen nicht mehr der Alleinernährer sein, der seine Kinder, nur am Wochenende zu Gesicht bekommt und ansonsten mit Abwesenheit glänzt. Der Sohn von Helmut Kohl schildert eindringlich in seinem aktuellen Buch, wie sein Vater sogar die Sekretärin beauftragte, ihm den Tod seiner Mutter mitzuteilen.

Die Rund-um-die-Uhr-Karriere mit ihren Konsequenzen für das familiäre Zusammenleben ist ein Auslaufmodell. Wenn man sie am Ende ihres Berufslebens fragt, was sie heute anders machen würden, sagen viele Entscheider: Ich wäre gerne näher dran gewesen an meinen Kindern. Kein Wunder, dass immer mehr junge Väter es heute anders machen und Elternzeit nehmen.

Trotzdem verändert sich bislang noch wenig an der Langzeitarbeitskultur. "Karriere in Deutschland ist ein Wettbewerb um Anwesenheitszeiten, um kommunikative Präsenz. Wer führt, muss nach dem Acht-Stunden-Tag noch für Meetings und Absprachen an der Bar zur Verfügung stehen", kritisiert beispielsweise Mathias Horx in der Welt.

Die Vorstellung, dass ein Mensch rund um die Uhr für sein Unternehmen zur Verfügung steht, ist jedoch ein Mythos. Schon immer sind Chefs auch oft abwesend, weil sie einem ihrer wichtigen Nebenämter nachgehen, wie einen Verband zu vertreten, in einem Aufsichtsrat oder einer Kammer tätig zu sein. Weshalb soll es dann ein Problem sein, wenn Führungskräfte Zeit mit ihrer Familie verbringen? Zumal diese Berufstätigen ein hohes Maß an Flexibilität und Belastbarkeit mitbringen, sonst würden sie ihren mehrgleisigen Alltag gar nicht schaffen.

Niemand behauptet dass es einfach ist, neue, gleichberechtigte Modelle für die Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit zu entwickeln. Dafür braucht es eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung in Kitas und Ganztagsschulen und dazu flexible Arbeitszeitmodelle – auch für Führungskräfte mit vollzeitnahen Stellen. Statt einer "Geht-nicht-Kultur" in den Unternehmen braucht es eine Kultur des Ermöglichens.

Einige Firmen wie Microsoft, IBM oder Booz & Company und Daimler machen es schon vor – zum Teil bis in die oberste Chefetage. Andere Unternehmen sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Die skandinavischen Länder sind in dieser Hinsicht schon viele Schritte weiter. Dort wurden auch schon amtierende Minister nachmittags mit ihren Kindern im Supermarkt gesehen. Denn Familie braucht Zeit. Zeit für gemeinsame Rituale wie das regelmäßige Abendessen, Zeit für Gespräche oder auch mal fürs Nichtstun. Eine neuen Arbeitszeitkultur bringt nicht nur die Gleichberechtigung einen wichtigen Schritt voran, von ihr profitieren alle Beteiligten: Die Beschäftigten, weil sie ein gutes Gleichgewicht im Leben verwirklichen können, die Unternehmen, weil solche Beschäftigten motiviert, kreativ und effektiv arbeiten und auch die Wirtschaft insgesamt, weil es endlich um Leistung statt um Präsenz geht.