Die 38-jährige Annette Martin* ist eine der wenigen Frauen, die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in einer Führungsposition tätig ist. Ihre Karriere begann Martin bei der Banque de France, einer, wie sie sagt, "stark männerorientierten Bank". Auch die EZB erlebt sie als besonders männlich und besonders konservativ.

"Frauen", berichtet Martin, "starten in der EZB meist auf einem geringeren Karriere-Level." Die Bankerin glaubt, dass dies nicht unbedingt etwas mit der fehlenden Qualifikation der Frauen zu tun habe. Vielmehr dominiere ein sehr konservatives Verständnis darüber, was Männer- und was Frauenarbeit ist. Alles was mit Sekretariats- und Verwaltungsarbeit zusammenhänge, sei abgesehen von wenigen männlichen Ausnahmen vorrangig in Frauenhand. "Dazu kommt das Problem, dass die Frauen meist dauerhaft auf diesem Level bleiben und nur wenig Spielraum für Veränderungen haben", sagt Martin. Mit entsprechend negativen Auswirkungen auf das Gehalt. Hinzukämen starke männliche Seilschaften, sogenannte Old Boy's Networks, in welche die Frauen nur schwer reinkämen.

Umso wichtiger findet sie positive Rollenvorbilder. Doch weibliche Vorbilder gibt es in der Europäischen Zentralbank nur wenige. Dass auf die scheidende EZB-Bankerin Gertrude Tumpel-Gugerell eine Frau ins Direktorium nachfolgt, ist für Annette Martin daher ein Muss.

Mehr Frauen in den Entscheidungspositionen hat für die Französin auch wirtschaftspolitische Vorteile: "Frauen sehen anders hin, wenn es um Risiken geht", ist die Bankerin überzeugt. Erst mal gut hinzusehen, ist in Sachen Chancengleichheit auch eines ihrer Ziele, denn: "Chancengleichheit nützt allen, auch den männlichen Beschäftigten."

*Name von der Redaktion geändert