Nicht nur über die Nachfolge des Präsidenten der Europäischen Zentralbank wird spekuliert. Noch vor Jean-Claude Trichet wird die Österreicherin Gertrude Tumpel-Gugerell im März aus dem EZB-Direktorium ausscheiden. Die Zeichen mehren sich dafür, dass die EZB künftig ein reines Männer-Direktorium haben wird. Denn die Unterstützung für den belgischen Kandidaten Peter Praet durch die Chefs der Nationalbanken scheint größer zu sein als für die slowakische Kandidatin Elena Kohutikova.

Wird Praet tatsächlich bestellt, würde die EZB-Führung nach dem Ausscheiden von Tumpel-Gugerell zu einem reinen Männerclub. Das gilt auch für den EZB-Rat, dem höchsten Entscheidungsgremium der EZB, der sich aus den Gouverneuren der nationalen Notenbanken und dem EZB-Direktorium zusammensetzt. Und dass die Nachfolge von Jean-Claude Trichet als EZB-Präsident eine Frau antreten könnte, ist nahezu ausgeschlossen.

Was an der Spitze so deutlich sichtbar ist, hat auch in anderen Führungsbereichen Tradition: "Die EZB ist eine weitestgehend von Männern dominierte Institution. Trotz eines Frauenanteils von 40 Prozent befinden sich die meisten weiblichen Mitarbeiter in einer unteren Position", sagt Marius Mager. Er ist Präsident der International and European Public Services Organisation (IPSO), der einzig anerkannten Gewerkschaft in der EZB. Sie vertritt nach eigenen Angaben mehr als 40 Prozent der rund 1200 fest angestellten Beschäftigten der Notenbank. Frauen würden bei den europäischen Währungshütern in erster Linie in Unterstützungsbereichen arbeiten und Verwaltungsaufgaben erledigen. Nur drei Arbeitnehmerinnen haben es bisher laut Mager geschafft, in die Senior-Management-Ebene aufzusteigen. Das Senior-Management ist die Hauptbereichsleitung der EZB, in der die wichtigen Entscheidungen gefällt werden.

Die EZB selbst spricht von rund 16 Prozent Frauenanteil in Managementfunktionen . Dieser Anteil, der sich nicht nur aus der Top-Ebene, sondern auch aus den zahlreichen Abteilungsleiterposten innerhalb der Bank zusammensetzt, hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Schon 2004, als Tumpel-Gugerell ihr Amt antrat, waren in der EZB rund sechsmal so viele Männer in Managementfunktionen wie Frauen.

Angesichts dieser Zahlen wäre es für den Gewerkschaftler Mager "das absolut falsche Signal", aus dem EZB-Direktorium einen reinen Männerclub zu machen. "Wenn wir das, was derzeit an Herausforderungen auf den Euro zukommt, bestmöglich bewältigen wollen, brauchen wir größtmögliche Meinungsvielfalt. Dafür braucht es die Beteiligung und das Know-how der gesamten Belegschaft", fordert IPSO-Präsident Marius Mager und teilt damit die Meinung der EZB-Direktorin Tumpel-Gugerell. Auch sie findet: "Wir können auf das Know-how von Frauen nicht verzichten – weder in Krisenzeiten, noch danach."

Die Arbeitsbedingungen bei der EZB könnten zudem kaum besser für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein. Denn wer bei der EZB sein Brot verdient, kann auf ein relativ gutes Netz an Schul- und Betreuungseinrichtungen auch für Kleinstkinder zurückgreifen. "Alle Papis von den Kindern in meiner Klasse arbeiten in der EZB", verrät die zehnjährige Tochter eines Bankers. Sie besucht die Europäische Schule in Frankfurt, an der die Bank maßgeblich beteiligt ist. Ein Angebot, das offenbar von "Papis" besonders gerne genutzt wird, das aber natürlich auch Frauen offensteht, die Beruf und Karriere unter einen Hut bringen müssen .

"An der fehlenden Infrastruktur kann es nicht liegen, dass wenige Frauen in Managementfunktionen tätig sind", stellte Gertrude Tumpel-Gugerell, die sich während ihrer Funktionsperiode stark für Chancengleichheit im Unternehmen einsetzte, schon 2004 bei einer Podiumsdiskussion in Wien fest.

Ein möglicher Grund sind die nationalen Notenbanken. Sie waren in den 1990er Jahren vor allem von Männern geprägt. Und zu dieser Zeit entsendeten sie ihre Vertreter an die neu gegründete EZB. "Mittlerweile gibt es aber viele junge Ökonominnen bei den nationalen Notenbanken und der EZB und auch immer mehr Frauen in Führungspositionen", sagt die scheidende Bankerin Tumpel-Gugerell und schränkt ein: "Sicherlich aber noch zu wenige gemessen an den Talenten, die wir haben."