Schließlich ist das Arbeiten im Zug auch noch arbeitsrechtlich bedenklich. Denn die Bahn gilt als öffentlicher Ort. "Der Businesstalk am Telefon kann arbeitsrechtlich heikel werden. Sie können nie ausschließen, dass Fremde das Gespräch belauschen", sagt der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt. Die meisten Arbeitnehmer haben eine Geheimhaltungsklausel in ihren Arbeitsverträgen. Wer Betriebsgeheimnisse fahrlässig oder absichtlich verrät, riskiert seinen Rauswurf. Der Arbeitsrechtler rät deshalb davon ab, sensible Unterlagen im Zug zu bearbeiten oder berufliche Telefonate offen im Abteil zu führen. "Selbst wenn Sie privat unterwegs sind und einen beruflichen Anruf im ICE erhalten und ein entsprechendes Gespräch führen, dürfte es schwierig werden, im Fall eines Rechtsstreit hier einen Ausnahmetatbestand zu konstruieren", sagt der Jurist.
Ulf Weigelt geht auch selbst im Zug auf Nummer sicher. Die Akten seiner Mandanten bleiben im Koffer, sein Handy ist während der Fahrt meist abgeschaltet. Er hat allerdings auch schon Juristenkollegen gesehen, die im ICE offen Prozessakten studieren. Dabei reicht schon der Spalt zwischen den Sitzreihen aus, um Unbefugten den Blick auf sensible Daten zu gewähren. Selbst das Arbeiten am Computer kann im Zug zum Risiko werden. Denn schon dann, wenn Dritten ein Blick auf den Bildschirm mit den internen Firmenzahlen zugänglich ist, verstößt der im Zug arbeitende Mitarbeiter gegen die Geheimhaltungsklausel seines Arbeitsvertrags, sagt Weigelt.
Und es kommt noch besser: Journalisten, die im Zug die Fetzen aus dem Telefonat über die Firmenfusion oder Bilanzzahlen vom Monitor des Netbooks mitbekommen, dürfen diese Informationen verwenden und sogar veröffentlichen. "Öffentliche Verkehrsmittel sind eben öffentlicher Raum", betont Ulf Weigelt.
Zumindest für das Problem mit dem Computerbildschirm gibt es eine Lösung: Sichtschutzfolie. Die gibt es bei verschiedenen Anbietern und kostet nur ein paar Euro. Heike Friedrichs hat sich eine solche besorgt, um ihre Kundenpräsentationen, an denen sie im ICE oft arbeitet, vor den Blicken anderer Fahrgäste zu schützen. "Man weiß ja doch nie, ob ein Mitbewerber hinter einem sitzt", sagt sie. Wenn sie während der Fahrt – sofern die Verbindung es zulässt – geschäftliche Anrufe bekommt, beschränkt sie sich zudem auf das Nötigste. "Eigentlich ist das ja auch eine Frage der Höflichkeit. Nichts ist schlimmer als die Gespräche anderer Fahrgäste in epischer Breite mitlauschen zu müssen", sagt die Unternehmerin.
Die Deutsche Bahn hatte übrigens in den 90er Jahren Konferenzabteile in ihren Zügen eingeführt. Doch wurden diese wegen zu geringer Nutzung wieder abgeschafft.