Die blau-violette Flamme zuckt kurz, als Albrecht Rämisch die bleistiftdicke Glasstange hinein hält. Vorsichtig dreht der Glasbläsermeister den Stab, bis er von allen Seiten gelb leuchtet. Nach einer Minute kann er das eben noch harte und jetzt hell glühende Glas wie Karamell in die Länge ziehen. Mit einer schnellen Drehung kappt er die Stange und legt den Rest beiseite. "Das Glas muss immer gezogen werden, egal, was hergestellt werden soll", sagt Rämisch.

© Tim Boyle/​Getty Images

Heiß ist es in der Werkstatt. Glas schmilzt bei etwa 1200 Grad Celsius. Das ist auch die nötige Temperatur, damit man das Glas stauchen, ziehen oder blasen kann. Jedoch ist Glas nicht gleich Glas, der Schmelzpunkt und andere physikalische Eigenschaften hängen von den Inhaltsstoffen ab. Für Rämisch muss der Wärmeausdehnungskoeffizient des Glases stimmen. Moment: Was bitte ist das? Rämisch erklärt: "Der Wärmeausdehnungskoeffizient gibt an, wie sehr sich das Glas bei Erwärmung ausdehnt. Wenn der Wert hoch ist, besteht die Gefahr, dass das Glas während des Erwärmens springt." Rämisch verwendet deswegen Jenaer Glas, dessen Koeffizient entsprechend niedrig ist.

Prinzipiell gibt es zwei Arten, ein Glas zu bearbeiten – abhängig davon, was hergestellt werden soll. Für Weingläser und Karaffen wendet Rämisch die Hohlglasbearbeitung an, für Schalen oder Fensterbilder wird beim Glasschmelzen Flachglas geschnitten und im Ofen zu einer Fläche verschmolzen. Und mit bunten Glasstücken werden Farbtupfer in ein transparentes Glas geschmolzen.

Egal, was hergestellt wird: Entscheidend ist eine gleichmäßig hohe Temperatur, sonst gibt es Unebenheiten.

Der  Glasbläser stellt auch Dekorationsgegenstände auf Kundenwunsch her. Dazu zeichnet er zunächst nach den Vorstellungen des Kunden eine Skizze. "Ich versuche, Wünsche zu realisieren und Dinge zu produzieren, die man nicht im nächsten Laden kaufen kann", erzählt er.

Bei seiner Arbeit trägt der Kunsthandwerker übrigens keine Handschuhe. "Die sind nicht nötig, denn Glas leitet die Wärme fast nicht, so dass man es auch nahe der geschmolzenen Stelle anfassen kann. Gefährlicher ist die Strahlungswärme. An einem Glasklumpen, der 1200 Grad Hitze hat, kann man sich verbrennen."

Für die Arbeit braucht es viel handwerkliches Geschick, eine kreative Ader und ein Auge für Details. Die staatlich geregelte, duale Ausbildung zum Glasbläser oder Glasbläserin dauert drei Jahre. Eine Weiterbildung zum Meister oder Meisterin ist möglich. Die naturwissenschaftlichen Fächer Mathematik, Physik und Chemie bilden den Schwerpunkt der theoretischen Ausbildung. In der Praxis beginnt der Auszubildende zunächst mit einfachen Glasarbeiten, der Schwierigkeitsgrad wird nach und nach gesteigert.

Der Beruf ist in mehrere Sparten aufgeteilt. So gibt es unter anderem die Fachrichtungen Glasbläser für Augenprothetik , Glasbläser für Baumschmuck, den Neonröhrenbläser, den Glasbläser für Thermometer und den Glasapparatebauer, der beispielsweise Laborgeräte herstellt. Letzteres hat auch Rämisch gelernt und die Meisterprüfung erfolgreich absolviert. Obwohl er heute in seinem Geschäft überwiegend Glaskunst macht, stellt er auch weiterhin Laborgeräte her. Der Unterschied zwischen der künstlerischen Seite des Glasbläsers und der technischen ist für ihn nicht sonderlich groß. "Bei beiden muss man kreativ sein. Ob Kunst oder Technik: Jedes Stück ein Unikat", sagt er.

Ungefähr 5000 Glasbläser arbeiten in Deutschland, die meisten sind in Glasmanufakturen angestellt. Die Berufsaussichten sind gut, weil trotz aller Technik nur einfache Glasprodukte maschinell hergestellt werden können und der überwiegende Teil per Hand produziert wird. Albrecht Rämisch liebt seinen Beruf und würde ihn immer wieder wählen: "Glas ist wunderschön – und jedes Stück ist unersetzlich."

  • Ausbildung: Dauer drei Jahre, staatlich anerkannte, duale Ausbildung;
  • Arbeitszeit: 37 bis 40 Stunden/Woche;
  • Gehalt: variiert, je nach Erfahrung und Fachrichtung.