Ursprünglich war es nur als Scherz gedacht. Der junge Grafikdesigner Cantemir Gheorghiu, notorisch pleite und ohne festen Job, wollte sich über die gut verdienenden Designer aus den großen Kreativagenturen in der Hauptstadt lustig machen. Das affektierte Modegehabe, diese Show – und diese lächerlichen großen Brillen! Also malte er eines Abends eine schwarze Hornbrille auf Pappe, schnitt sie aus und setzte sie sich auf die Nase. Um den Spaß perfekt zu machen, zog Gheorghiu mit seiner Pappbrille los in einen angesagten Club.

Die Reaktionen blieben nicht aus, aber sie fielen anders aus als erwartet: So gut wie jeder Nachtschwärmer wollte so eine Pappbrille haben. Schon bald stanzte Gheorghiu nächtelang Brillen aus, entwarf immer neue, immer buntere und wildere Modelle, entwickelte eine spezielle Falttechnik, die er sich patentieren ließ. Er erfand Brillenetuis aus Papier, ließ Flyer drucken und dachte sich lustige Marketingsprüche aus. "Auf die Nase. Fertig. Los." "Pappnasen sind glücklicher". "Einfach schärfer aussehen." In wenigen Wochen verkaufte Gheorghiu Tausende Pappbrillen.

Das war vor einem Jahr; die Geburtsstunde eines neuen Modetrends, wie er so wohl nur in der Hauptstadt möglich ist. Die Brillen haben Gheorghiu zu einem erfolgreichen Unternehmensgründer gemacht. Ob Christopher-Street-Day, Fanmeile oder Straßenfest: Die Pappbrille für ein Euro das Stück eroberte die Hauptstadt im Nu. Die Medien entdeckten das Accessoire und seinen sympathischen Gründer, auch ZEIT ONLINE berichtete über den skurrilen Modetrend. "Die Medienberichte brachten den Durchbruch. Wir konnten uns danach kaum vor Anfragen retten", erzählt Gheorghiu. Schon bald brauchte der Jungdesigner Hilfe. Einen Freund machte er zum Geschäftspartner. Weitere Freunde sprangen als Aushilfen und Verkäufer ein. Eine Internetseite war schnell aufgesetzt, ebenso die Fansite bei Facebook. Ein Bekannter übernahm die Realisation eines Web-Shops, eine Freundin die Marketing- und PR-Arbeit. Aus der fixen Idee wurde ein Unternehmen. Gheorghiu gründete eine GbR und sicherte sich alle Rechte an seiner Idee.

Mittlerweile hat Gheorghiu Mitarbeiter, auch Praktikanten haben in seinem Pappbrillen-Unternehmen schon hospitiert. Der Designer hat für seine Firma eine ganze Etage gemietet. Modeboutiquen und Optiker bundesweit verkaufen ganze Kollektionen. Auch Shops in Italien, England und Japan haben das Spaß-Accessoire entdeckt. Unternehmen, Sportclubs und Event-Veranstalter ordern Zehntausende von Brillen. "Gerade hat der Basketballverein Alba Berlin 30.000 Brillen bestellt", erzählt der Gründer. Eine so große Zahl von Brillen per Hand ausstanzen – das geht natürlich nicht mehr. Gheorghiu lässt jetzt produzieren, arbeitet mit einer Druckerei zusammen und mit Behindertenwerkstätten.

Pappbrillen für Berlin-Mitte Designer Cantemir Gheorghiu stellt ZEIT ONLINE-Redakteur Matthias Breitinger seine Kollektion vor.

Vorbei sind die Zeiten, als Gheorghiu sich um Aufträge mühen musste. Mittlerweile kann sich der Gründer vor Anfragen kaum retten, soll sogar für Modedesigner Pappbrillen entwerfen. Das amüsiert den Gründer – sollte die Pappbrille doch die Modebranche auf die Schippe nehmen. Über den Erfolg seiner Idee freut sich der Designer dennoch. "Ich hätte niemals gedacht, dass ich eines Tages ein Pappbrillen-Unternehmen haben würde", sagt er. Wenn er auf sein erstes Jahr als Unternehmer zurückblickt, kommt es ihm vor wie in Trance. Wer weiß? Vielleicht wird aus dem einst notorisch an Geldnot leidenden Grafikdesigner noch ein Papp-Millionär.