ZEIT ONLINE: Beruflich zu scheitern bedeutet gesellschaftliche Abwertung?

Hagemann: Ja, und dabei erfolgt die Definition von außen. Es gibt Menschen, die in ihren Jobs todunglücklich sind. Nehmen wir den Manager, der sich fremdbestimmt fühlt und der heilfroh ist, dass er im Zuge einer Firmenfusion seinen Job verliert und endlich seinen Traum vom Aussteigen wahr machen kann. Er geht vielleicht nach Neuseeland, lebt dort in einer kleinen Ein-Zimmerwohnung und verdient seinen Lebensunterhalt mit einfachen Handwerkstätigkeiten. Beruflich gilt er jedoch als gescheitert, gesellschaftliche Anerkennung gibt es für seinen neuen Lebensentwurf kaum. Gerade deswegen leiden so viele Menschen nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder wenn sie als Selbständige gescheitert sind. Beruflicher Misserfolg ist ein Stigma. Das ist übrigens typisch deutsch. In den USA sind die gesellschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen anders. Da fängt man nach einer Pleite wieder von vorn an und kann relativ problemlos einen ganz neuen Beruf ausüben. Die Gesellschaft honoriert das.

ZEIT ONLINE: Hängt der hohe Stellenwert der Arbeit auch mit dem Bedeutungsverlust von Religion und Spiritualität zusammen?

Hagemann: Da besteht sicherlich ein Zusammenhang. Die gesellschaftlichen Werte haben sich stark gewandelt. Früher hatte vor allem die Kirche die Hoheit, den Sinn des Lebens zu erklären. Heute ist an ihre Stelle eine Vielzahl von Möglichkeiten getreten. Verschärfend kommt hinzu, dass es immer weniger Nischen in der Arbeitswelt gibt.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Hagemann:  Ich gehe davon aus, dass nicht jeder Mensch für die Arbeit geboren ist – zumindest nicht für unsere moderne Arbeitswelt. Schauen Sie sich die Biografien von Langzeitarbeitslosen an. Das sind Menschen, die entweder nie auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst haben oder die irgendwann rausgefallen sind. Für sie scheint es keinen Platz mehr zu geben. Früher war das anders. Ich nenne einmal ein Beispiel aus dem akademischen Bereich: Für jene, die sehr lange wissenschaftliche Mitarbeiter waren, aber es nie zu einer Professur schafften, gab es früher trotzdem Anstellungen sogar auf Lebenszeit. Man hat diesen Menschen Freiraum gegeben und sie auch aus sozialen Gründen mitgetragen. Diese Stellen wurden wegrationalisiert. Solche Nischenjob gab es früher auf allen Ebenen, auch in der freien Wirtschaft. Jetzt haben wir unvermittelbare Langzeitarbeitslose, die gesellschaftlich stigmatisiert sind.

ZEIT ONLINE: Aber am Ende definiert doch jeder für sich selbst, ob das eigene Leben sinnvoll ist.

Hagemann: Ja – darum sind ja auch andere Säulen neben der Arbeit so wichtig für ein glückliches und gesundes Leben. Freunde, Familie, Hobbys. Das Einkommen spielt übrigens nur eine untergeordnete Rolle. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat in einer Auswertung von mehr als 450.000 Datensätzen herausgefunden, dass die Lebenszufriedenheit von Menschen ab einem Haushaltseinkommen von cirka 60.000 Euro im Jahr nicht mehr mit dem Einkommen korreliert . Die Lebensqualität steigt nur bis zu dieser Marke. Mehr Geld macht also nicht glücklicher.