Auf den ersten Blick bietet die Patientin einen hoffnungslosen Anblick. Eine Risswunde im Gesicht, die Haare teils ausgerissen, Abschürfungen am ganzen Körper. Vorsichtig begutachtet Christine Krah die kleine Patientin. Ihre Prognose: Die Heilungschancen stehen gut. Erleichterung bei der Kundin, die ihre Lieblingspuppe aus Kindertagen zum Aufarbeiten abgegeben hat. "Da hatten wir schon hoffungslosere Fälle", sagt Krah, die seit 27 Jahren eine Puppen- und Bärenklinik in Bremen betreibt. Sie ist eine der wenigen Puppendoktoren in Deutschland .

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Zu ihr kommt allerlei Spielzeug. Ob ein mitgenommenes Lieblingskuscheltier, das seit Generationen weitergegeben wird oder historisches Spielzeug mit Sammlerwert. Puppen, Stofftiere und Marionetten, abgebrochene Finger, ausgekugelte Arme, kaputtes Fell – es gibt nichts, was die Puppendoktorin noch nicht gesehen hat. "Die Wehwehchen sind sehr unterschiedlich", sagt Krah.

Kniffelig wird es, wenn ganze Gliedmaßen oder Köpfe fehlen. Dann muss die Kunsthandwerkerin auf ihr umfangreiches Ersatzteillager bauen und hoffen, dass das passende Teil vorhanden ist. Hunderte Torsos, Köpfe, Arme und Beine warten in Kartons auf ihre Zweitverwertung. Die Ersatzteile sind mittlerweile viel wert. Manche Teile für besonders altes Spielzeug werden knapp.

Zwar versucht Krah, jedes Spielzeug wieder instand zu setzen, doch gelegentlich muss sie eine Reparatur ablehnen. "Alles reparieren wir auch nicht. Wenn das komplette Fell eines Teddys zu stark abgenutzt ist, wird das nicht ersetzt. Das wäre dann ja hinterher nicht mehr der Teddy, der er vorher war", erklärt die Puppendoktorin. Eine Lösung findet sie trotzdem: Der Teddy bekommt dann einfach einen Pullover oder eine Hose angezogen oder dem Kunden wird nahe gelegt, das Lieblingsstofftier in eine kleine Vitrine zu setzen.

Den allermeisten ihrer Patienten kann Krah aber helfen. Dafür braucht sie viel Geschick, denn je nach Bauart und Hersteller muss sie verschiedenes Material und unterschiedliche Techniken verwenden. Dabei ist auch viel Fachwissen notwendig. Historische Puppen beispielsweise bestehen aus Porzellan, Vinyl oder Zelluloid. "Man muss immer wieder neu überlegen, wie man etwas reparieren kann. Das ist eine Herausforderung", sagt Krah. Für Reparaturen von Zelluloidpuppen beispielsweise verflüssigt sie Zelluloid mit Aceton und bekommt so einen Kitt, mit dem Risse wieder geflickt werden können.

Dass die Puppendoktorin sauber gearbeitet hat, erkennt man daran, dass man beinahe nichts erkennt. Denn die Reparaturstellen sollten möglichst nicht zu sehen sein. Den passenden Farbton zu mischen, ist eine Kunst für sich. "Die meiste Farbe verbrauchen wir nicht auf der Puppe, sondern vorab beim Mischen", erzählt Krah.

Ihre Leidenschaft für Puppen entdeckte sie schon als kleines Mädchen. Zu ihrem Beruf kam sie über ihr kunsthandwerkliches Talent. Eine klassische Ausbildung zum Puppenrestaurator gibt es nicht. Eine handwerkliche Ausbildung ist von Vorteil, ebenso wie historische Kenntnisse. "Die Arbeit lernt man durch einschlägige Literatur, vor allem aber durch learning by doing ", sagt Krah.