Häufig beginnt der Arbeitstag für Ben Lodemann um zwei Uhr in der Nacht mit einem Telefonanruf. "In 90 Minuten musst du in Hamburg an Bord sein", heißt es dann. Lodemann, Vizepräsident des Bundesverbandes der See- und Hafenlotsen BSHL, arbeitet als Seelotse auf der Elbe. Meldet sich ein Schiff an, geht er an Bord, um das Schiff die Elbe hinauf oder hinunter zu führen. Und das zu jeder Tageszeit, sieben Tage die Woche. Denn Seelotsen arbeiten permanent auf Abruf.

"Wir sind die ortskundigen Berater eines Kapitäns", erklärt Lodemann. Ein Arbeitstag dauert 16 bis 18 Stunden, geregelte Arbeitszeiten gibt es nicht. Und nach einem Einsatz – Lotsung genannt – haben Lodemann und seine Kollegen je nach Schiffsaufkommen 8 bis 30 Stunden frei. Man arbeitet in Bereitschaftsschichten. Eine Schicht dauert vier Monate. Danach haben die Lotsen einen Monat frei.

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Das klingt nach einem Stressjob, und so ist es auch, bestätigt Lodemann. Aber was genau tun die Seeleute ? Braucht es in Zeiten von GPS und Computer wirklich noch Lotsen? "Stellen Sie sich einen ukrainischen LKW-Fahrer vor, der mit einem 40-Tonner durch die Innenstadt von Marburg fährt. Dem hilft das Navigationsgerät nicht immer, der hätte gerne jemanden auf dem Beifahrersitz, der ihm sagt, da musst du aufpassen, die Kurve ist eng, hier hängt ein Dach über. Im übertragenen Sinne machen Seelotsen genau das für den Schiffsverkehr."

Also weiß ein Seelotse auf den Meter genau, wo ein Kapitän lang fahren muss? Lodemann schmunzelt und sagt: "Auf den Meter genau ist auch für uns schwierig, aber auf 10 bis 20 Meter genau, das bekommen wir hin. Das genügt auch."

Die Ausbildung ist anspruchsvoll. Seelotsen brauchen das höchste Kapitänspatent und müssen mindestens zwei Jahre Bordzeit mit diesem Patent nachweisen. Außerdem müssen sie fließend Deutsch und Englisch sprechen, besser noch sind weitere Fremdsprachen.

In der Schifffahrt sind die Flüsse, Kanäle, Häfen und Küsten in Reviere eingeteilt . Die Lotsen sind jeweils für ein Revier zuständig. Eine achtmonatige Schulung durch die anderen Lotsen in diesem Revier bereitet Berufseinsteiger auf den Job vor. Sie müssen die Wasserstraßen genau studieren, über Rechtsvorschriften vor Ort Bescheid wissen und immer wieder praktisch trainieren – am Simulator und auf echten Schiffen. Wie fahre ich Schiffe welcher Größenordnung? Welche Schlepper habe ich? Wie verhält sich der Strom vor Ort? Wie kann ich ein Schiff im Hafen am besten drehen und wie viel Platz zum Manövrieren ist vorhanden?

Nach erfolgreicher Prüfung bei der Wasser- und Schifffahrtsdirektion erhalten Seelotsen die sogenannte Bestallung. So wird die behördliche Zulassung genannt. Doch damit ist das Lernen nicht vorbei. Regelmäßige Weiterbildungen sind für Lotsen Pflicht. Denn die Strömung des Untergrund verändert sich ständig. Die Elbe beispielsweise wird vierteljährlich geprüft und vermessen. Alle Veränderungen müssen sich die Lotsen einprägen. Die strengen Anforderungen an Seelotsen kommen nicht von ungefähr. "Wenn ich etwas falsch mache und ein Schiff anschließend den Fluss blockiert, hat das für die gesamte deutsche Wirtschaft Folgen", sagt Lodemann.