Als Miriam Gruß 2005 als FDP-Abgeordnete in den deutschen Bundestag einzog, gratulierte der Apotheker zu Hause überschwänglich zum gewonnenen Mandat. Dann wandte er sich an den Ehemann und meinte: "Ja mei, Herr Gruß, wie machen Sie das denn jetzt mit dem Essen?"

Heute würde das Weltbild des Apothekers gänzlich aus den Fugen geraten. Denn inzwischen ist Herr Gruß zu Hause in Augsburg Vollzeitpapa. Diesen Sommer hat er seine Arbeit aufgegeben, um ganz für den inzwischen siebenjährigen Sohn da zu sein. "Wir haben in Sachen Kinderbetreuung alles durch", erzählt die familienpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion. Zunächst pendelte der Sohn ein halbes Jahr lang mit ihr vom Wahlkreis nach Berlin und zurück. Später lebte er zwei Jahre lang bei ihren Eltern. Dann reduzierte ihr Mann seinen Job und der Sohn lebte wieder bei ihm. "Das Leben als Politikerin ist völlig familienunfreundlich", sagt die 35-Jährige.

Andrea Nahles dagegen hatte es sich eigentlich komplizierter vorgestellt. Ihre Tochter ist im Januar geboren. "Und heute schläft sie schon von halb neun bis acht Uhr durch", erzählt die SPD-Politikerin. Als Generalsekretärin der Sozialdemokraten ist die 41-Jährige viel unterwegs. Was nicht wichtig ist, fliegt aus dem Kalender raus. Nahles setzt neue Prioritäten. "Ich bin mit meiner Zeit geiziger geworden", sagt sie. "Einen Tag pro Woche versuche ich zu Hause zu arbeiten." Ansonsten macht ihr Mann in den ersten drei Jahren die Elternzeit und hat seine Arbeitszeit reduziert.

Mama im Fernsehen

"Mein Mann ist wie ich voll berufstätig", erzählt dagegen Dorothee Bär. "Der wird nie gefragt, wie er eigentlich sein Familienleben hinkriegt." Die familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion hingegen wird immer wieder mit dieser Frage konfrontiert. "Als es mir darum ging, eine neue politische Position zu übernehmen, wurde mir gesagt: ‚Nun, denk doch an deine Kinder.‘" Das, so glaubt die stellvertretende Generalsekretärin der CSU, würde man bei einem jungen Vater nie so machen. Ihre fünfjährige Tochter geht im Wahlkreis in den Kindergarten, die drei Monate alte kommt in den Sitzungswochen mit nach Berlin. Dann sind oft auch Oma oder Opa mit dabei und kümmern sich um das Baby. "Wenn ich eine Rede im Plenum halte, schaltet die Oma manchmal Phönix ein", erzählt Bär, "dann freut sich meine Tochter zwei Minuten, dass sie ihre Mutter sieht – und möchte dann doch lieber wieder auf Kika umschalten." Bär kann sich immer wieder darüber freuen, welche Ideen ihrer älteren Tochter durch den Kopf gehen. Im letzten Wahlkampf etwa fand die Kleine es doch sehr merkwürdig, dass nur ihre Mutter auf den Plakaten im Ort zu sehen war. Warum waren nicht auch die Mütter ihrer Kindergartenfreundinnen plakatiert?

Christine Lambrecht hat das mit ihrem Sohn anders organisiert. "Mein Sohn ist im Bundestag groß geworden", sagt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD. Inzwischen ist er zehn. "Bis er sechs Monate alt war, habe ich ihn mit in die Fraktionssitzungen und in Ausschüsse genommen", erzählt Lambrecht. "Das war nie ein Problem." Gewickelt wurde das Kind auf dem Schreibtisch. "Wenn ich im Plenum saß, haben die Saaldiener manchmal auf ihn aufgepasst." Später hatte der Sohn zwei Kindergärten, einen im Wahlkreis und einen in Berlin. "Bis heute hat er dadurch zwei Freundeskreise an beiden Orten", erzählt die 46-Jährige. Heute geht er in Berlin zur Schule. Von der Politik hält er nicht so viel. Später will er lieber Fußballprofi werden.

Kerstin Andreae kümmert sich gleich um drei Kinder. Die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion nimmt ihr neun Wochen altes Baby mit zu den Abendterminen. "Mit einem Kleinkind ist das alles eher unproblematisch", sagt die 43-Jährige. Denn bei Veranstaltungen wird stets für einen Babysitter gesorgt. "Da gibt es immer jemanden, der spazieren geht oder den Kinderwagen schaukelt. Insofern habe ich es sicher einfacher als die Bäckersfrau mit ihrem Säugling."