ZEIT ONLINE: Herr Bauer, Sie haben sich auf einen Artikel über die berufliche Integration von Behinderten bei uns gemeldet. Sie sind selbst behindert und streben eine Laufbahn als Manager an. Welche Form der Behinderung haben Sie?

Linus Bauer: Ich bin seit Geburt hochgradig schwerhörig. Bis zu meinem 13. Lebensjahr habe ich ein Hörgerät getragen, mit dem ich aber nur stark eingeschränkt hören konnte. Ich habe nur Geräusche wahrgenommen. Darum wurde ich lautsprachlich erzogen und war aufs Lippenlesen angewiesen. Gebärdensprache beherrscht außer Hörgeschädigten kaum jemand, das ist schon eine Barriere. Mit 13 bekam ich ein sogenanntes Cochlear Implantat, also ein Innenohrgerät. Nach einem Dreivierteljahr konnte ich nicht nur Geräusche, sondern auch Sätze verstehen. Es hat aber noch fast drei Jahre gedauert, bis ich mit dem Implantat hören konnte. Wobei ich natürlich nicht das Hörvermögen eines Menschen ohne Handicaps habe, aber ohne das Implantat wäre meine bisherige Karriere sicher anders verlaufen.

ZEIT ONLINE: Nämlich wie?

Bauer: Ich hätte wohl nur eine Sonderschule besucht. So konnte ich aber auf eine normale Schuhe gehen. Das hat mir geholfen, Selbstbewusstsein aufzubauen.

ZEIT ONLINE: Derzeit studieren Sie Aviation Management. Lieber wären Sie Pilot geworden, was wegen der Behinderung nicht möglich ist. Ihre Studienwahl ist also die pragmatische Lösung. Werden Behinderte besser mit Schwierigkeiten fertig als andere?

Bauer: Allerdings – und diese Fähigkeit sollte als Qualifikation angesehen werden! Aviation Management studiere ich, weil es meinem Traum, als Pilot für eine Airline zu fliegen, am nächsten kommt. Als Mensch mit einem Handicap profitiere ich davon, dass ich in meinem Leben schon viele Hindernisse bewältigen musste. Darum glaube ich auch, dass Behinderte gute Manager sind. Man hat gelernt, sich mit Gegebenheiten zu arrangieren und trotzdem das Beste aus der Situation zu machen. Behinderte haben oft eine hohe soziale Kompetenz, weniger Vorurteile und können gut mit Menschen umgehen.

ZEIT ONLINE: Wie muss man sich Ihren Studienalltag vorstellen?

Bauer: Mein Studium verläuft genauso wie bei meinen nichtbehinderten Kommilitonen. Ich studiere zum Glück in einer sehr ruhigen Umgebung, die Kurse haben maximal 20 Teilnehmer. Meine Dozenten wissen über meine Behinderung Bescheid, und ich kann jederzeit Fragen stellen, wenn ich etwas nicht mitbekommen habe. Außerdem kann ich mir alle Folien zu den Vorlesungen als PDF im Intranet herunterladen. Diskriminierung oder ähnliches habe ich weder an der Schule noch an der Universität erlebt.