So können Arbeitgeber bei Burn-out helfen – Seite 1

Ein Leben ohne Stress gibt es nicht. Stress am Arbeitsplatz ist erst dann ungesund, wenn der Gestresste keine Ventile mehr findet, den aufgestauten Druck abzubauen. Versuche, zusätzlich Kraft aufzubringen, um die Situation doch noch in den Griff zu bekommen, erzeugen nur zusätzlichen Druck. Isolation, Gleichgültigkeit, emotionale Erschöpfung sowie zunehmende körperliche und psychosomatische Beschwerden sind typische Begleiterscheinungen dieser Entwicklung.

Die Zahl der Beschäftigten, die wegen eines Burn-out ausfallen, wächst. Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen haben von 1998 bis 2009 um 76 Prozent zugenommen.

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Zwar sollte jeder Einzelne etwas tun, um auch in stressigen Zeiten gesund zu bleiben. Dennoch sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, Stressquellen am Arbeitsplatz zu vermeiden. Dabei hilft ihnen das Arbeitsschutzgesetz . Arbeitgeber müssen sich demnach nicht nur um das körperliche, sondern auch um das psychische Wohl ihrer Mitarbeiter kümmern.

Mehrere Studien belegen, dass zwischen Arbeitszufriedenheit und Leistung ein direkter Zusammenhang besteht, der sich in Euro und Cent messen lässt. Negative Arbeitsbedingungen verhindern optimale Leistung – Unternehmen mit solchen Arbeitsbedingungen schaden sich letztlich selbst.

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Zur Verdeutlichung ein paar Zahlen: Eine psychische Erkrankung führt im Schnitt zu einem Monat Arbeitsausfall (30,4 Kalendertage). Das ist doppelt so lang wie der Durchschnitt. Nur eine Krebserkrankung führt zu noch längeren Fehlzeiten. Hinzu kommt, dass in der verdichteten Arbeitswelt Ausfälle heute schneller Folgen haben als früher: Der Einzelne ist schlechter ersetzbar, Puffer gibt es kaum noch in den Unternehmen.

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Außerdem leisten die betroffenen Arbeitnehmer schon lange vor dem Zusammenbruch bis zu 40 Prozent weniger als ihre gesunden Kollegen. Untersuchungen belegen: Ein Euro Investition in eine moderne betriebliche Gesundheitsförderung zahlt sich nach drei Jahren mit mindestens 1,80 Euro aus. Im Mittelstand rechnet sich der investierte Euro noch stärker, denn durch die verminderten Fehlzeiten und die höhere Produktivität werden daraus zehn eingesparte Euro.

Eine moderne betriebliche Gesundheitsförderung kann im Unternehmen die Fehlzeiten um über 30 Prozent senken. Trotzdem lässt in vielen Betrieben eine systematische Gesundheitsförderung zu wünschen übrig. Auch wissen viele Unternehmer und Führungskräfte zu wenig über präventive Möglichkeiten. Für die "Wartung der Maschinen" wenden Unternehmen meist mehr Zeit und Geld auf als für die "Wartung der Mitarbeiter". Zudem herrscht verbreitet die Auffassung, dass sich personal- und gesundheitspolitische Maßnahmen in kürzester Zeit rechnen sollen.

Lange Wochenenden und Gesundheitsmanager

Die emotionale Verbundenheit mit dem Unternehmen gilt als Produktivitätsmotor Nummer Eins. Allerdings wissen viele deutsche Unternehmen nicht, wie sie diesen Motor zum Laufen bringen können. Sie wissen auch nicht, welche Anforderungen ihre Mitarbeiter übermäßig belasten und in ihrer Produktivität behindern. Zu diesem Ergebnis kam 2004 eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung, die nach den physischen und psychischen Belastungen in Unternehmen fragte.

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Demnach wissen die meisten Unternehmer nicht:

  • wo in ihrem Unternehmen Stressquellen sind,
  • welche Abläufe für Zeitdruck sorgen,
  • wo eine Unterstützung in Form von Weiterbildung nötig wäre,
  • in welchen Abteilungen sich Frust und Lethargie breit gemacht haben und
  • welche Führungskräfte ihre Mitarbeiter durch ihr Verhalten zusätzlich belasten.

Was Führungskräfte tun können, um das Klima im Unternehmen zu verbessern, (seelische) Krankheiten der Belegschaft zu vermeiden, zeigen folgende Beispiele: Der Süßwarenhersteller Katjes änderte aufgrund einer Mitarbeiterbefragung seinen Schichtplan. Alle Mitarbeiter erhalten pro Monat zwei lange Wochenenden (vier Tage am Stück), um ausreichend ausspannen und Zeit mit der Familie verbringen zu können. Diese und einige weitere Änderungen wie kostenlose Getränke oder Hebekräne für schwere Säcke kosteten das Unternehmen zwar rund 100.000 Euro, führten aber auch zu höherer Mitarbeiterzufriedenheit und zu einem Krankenstand, der von sieben auf drei Prozent sank.

Bei Volvo dagegen müssen alle Manager Anti-Burn-out-Seminare besuchen, in denen sie lernen, Stresssymptome zu erkennen und diesen vorzubeugen. Außerdem lernen sie, eine Balance zwischen Arbeit, Familie und Zeit für sich selbst zu finden. Auslöser: Ende der 1990er-Jahre beklagten sich Volvo-Manager über den zu hohen Druck, zu viel Stress und körperliche Probleme. Mittlerweile können alle Mitarbeiter an den Seminaren teilnehmen. Volvo schätzt, dass mit diesen Seminaren pro Jahr an die 50 Burn-out-Fälle verhindert werden. Eine Rechnung, die aufgeht: Fällt beispielsweise ein Manager ein halbes Jahr aus, kostet es das Unternehmen rund 450.000 Euro.

Der Otto-Konzern beschäftigt hingegen speziell einen Gesundheitsmanager, der sich mit seinem Team um Projekte kümmert, die das Gesundheitsbewusstsein der Mitarbeiter fördern. Das Team hilft den Otto-Mitarbeitern dabei, Lösungen in persönlichen Stresssituationen zu finden. Ferner lernen sie körperliche und mentale Entspannungstechniken kennen. Und für Mitarbeiter in Krisensituationen gibt es eine hausinterne Beratungsstelle.

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Und auch bei der Firma Bosch durchlaufen alle Führungskräfte spezielle Schulungen, die sie dafür sensibilisieren, dass sie die Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tragen. Das Logistikunternehmen Fiege geht sogar noch einen Schritt weiter: Dort fließt das Thema Gesundheit sogar in die Führungskräftebewertung ein – was somit auch die Bonuszahlungen der Führungskräfte betrifft.

Die betriebliche Gesundheitsförderung sollte also immer als Aufgabe des Managements verstanden werden. Auch wenn diese Veränderungen die Unternehmen Geld kosten, sie führen zu zufriedeneren und gesunden Mitarbeitern.