Typhus riecht nach Mäusen und die Pest nach Äpfeln. Auf derartige Beschreibungen stößt Jonathan Reinarz immer wieder, wenn er ältere Quellen studiert. Reinarz ist Direktor des Instituts für Medizingeschichte an der University of Birmingham. "Anhand von Gerüchen haben Ärzte früher Diagnosen gestellt", erzählt er. "Wir mögen den Geruch von Äpfeln heute mit einem schönen Sommer assoziieren. Für die Menschen im Mittelalter aber war er eine Warnung."

Der 41-Jährige ist ein sogenannter Sensory Historian. Eine deutsche Übersetzung wäre etwa "Sinnhistoriker" oder "Historiker der Sinne"; eingebürgert hat sich eine deutsche Bezeichnung für diesen Beruf allerdings noch nicht. Wie kommt man überhaupt zu einem so ungewöhnlichen Beruf? Während seiner Arbeit sei er so oft auf Sinneswahrnehmungen gestoßen, dass ihn das Zusammenspiel von Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken einfach nicht mehr losgelassen habe, erzählt er. Früher hätten die Menschen viel stärker alle Sinne eingesetzt, um die Welt zu verstehen. 

Geschichte mit allen Sinnen verstehen

Das behauptet auch Robert Jütte: "Schon die Tatsache, dass wir heute wieder für einzelne Sinne sensibilisiert werden müssen, deutet darauf hin, dass unsere Vorfahren sinnbetonter lebten. Die Sinne spielten im Alltagshandeln früher eine sehr viel stärkere Rolle." Jütte leitet das Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart. Vor ein paar Jahren hat er ein Standardwerk zum Thema geschrieben: Geschichte der Sinne. Von der Antike bis zum Cyberspace . Sich der Vergangenheit über die Sinne zu nähern, schafft laut Jütte "einen besseren Zugang zur Alltagsgeschichte, die Teil der modernen Kulturgeschichte ist".

Viele Historiker-Kollegen tun es ihm inzwischen gleich. Seit der französische Sozialhistoriker Alain Corbin 1991 mit seinem Buch Wunde Sinne auf die Möglichkeit hinwies, Geschichte mit allen Sinnen zu erfassen, ist das Interesse gestiegen. Inzwischen gibt es auch mehrere Fachmagazine, die sich dem Thema widmen, The Senses & Society etwa. 

Sehen, hören, riechen, tasten und schmecken. Gefragt nach seinem Lieblingssinn kann sich Mark Smith einfach nicht entscheiden. Er überlegt lange und sagt dann doch: "Ich mag sie einfach alle." Der 43-Jährige lehrt amerikanische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der University of South Carolina – und landet immer wieder bei der Sensory History.

Inzwischen hat er sich als Experte auf dem Gebiet etabliert. So gibt er, zusammen mit der Illinois University Press, eine Buchreihe zum Thema heraus. Er selbst steuert ein Werk über den Amerikanischen Bürgerkrieg bei. "Sicher eines der meist untersuchten historischen Ereignisse, aber ich ziehe es an den Sinneswahrnehmungen auf", sagt Smith. Denn Sensory Historians befassen sich nicht allein mit der Geschichte der Sinne. Vielmehr versuchen sie, "Sinn-volles" in der Vergangenheit zu entdecken.