Eine Vier-Zimmer-Wohnung in einem Hinterhof soll es laut Drehbuch sein. Sie muss mindestens 120 Quadratmeter groß sein, eine große Dachterrasse sowie Stuck an den Decken haben. Ein Blick in sein Archiv verrät Roland Gerhardt: So eine Wohnung hat er nicht im Repertoire, also muss er eine finden. Gerhardt arbeitet als Location Scout und ist Vorsitzender des Bundesverbands für Locations Scouts (BVL) . Seine Job ist es, Drehorte für Fotoshootings, Fernseh-, Kino- oder Werbefilmproduktionen zu finden. "In der Regel sind wir die ersten, die mit der Umsetzung eines Drehbuches oder Storyboards anfangen", sagt Gerhardt.

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Mithilfe des Drehbuchs erstellt er eine Liste der erforderlichen Locations, die in der Branche auch Motive genannt werden. Die Orte bespricht er mit dem Szenebildner oder Fotografen. Soll es eine kleine Wohnung sein? Muss es ein Altbau sein? Welche Besonderheiten soll das Motiv haben?

Zwar geben Storyboard und Drehbuch Vorgaben, entscheidend ist die Meinung des Regisseurs. "Er hat das letzte Wort", sagt Gerhardt. Allerdings müssen auch die Vorstellungen des Regisseurs bezahlbar und zu realisieren sein. Erst wenn alles besprochen ist, beginnt Gerhardt die eigentliche Suche. Zuerst schaut er in sein eigenes Archiv, das er mit den Jahren angelegt und in dem er alle Locations gespeichert hat. "Einige Motive lassen sich für mehrere Projekte verwenden", erzählt er. Wenn er in seinem Archiv nichts findet, macht er sich auf die Suche per Internet, Telefon und Umherfahren durch bestimmte Stadtteile, Dörfer oder vielversprechende Regionen.

Visualisierung ist alles

"Es kommt immer darauf an, was man sucht. Wird eine besondere Wohnung gesucht, so kann es sein, dass wir durch die Stadt fahren und bei potenziell interessanten Wohnungen anhalten und einfach klingeln", sagt Gerhardt. Diese Art der Suche ist jedoch nicht immer von Erfolg gekrönt. Ab und an muss Gerhardt auch ungewöhnliche Hilfsmittel in Anspruch nehmen. "Vor einigen Wochen wurde eine Großbaustelle gesucht. Drum herum sollte viel Freifläche sein. Das findet man nicht so einfach. Da haben wir uns ein Flugzeug mitsamt Piloten gemietet und die nähere Umgebung überflogen. Wir sind auch fündig geworden."

Wenn ihm ein Ort gefällt, macht er Fotos davon, damit Szenebilder und Regisseur entscheiden können, ob das Motiv infrage kommt. Auch die logistischen Herausforderungen dürfen nicht zu groß sein. Die Location muss gut erreichbar sein. Wenn alles stimmt und der Ort dem Team gefällt, kontaktiert der Location Scout die Eigentümer oder Bewohner und führt das Gespräch mit ihnen. Sind sie mit der Nutzung einverstanden? Wie viele Tage soll gedreht oder fotografiert werden? Welche finanzielle Vergütung steht dafür im Raum? Anschließend werden mit dem Szenebildner und manchmal auch mit dem Regisseur, dem Kameramann und dem Produktionsleiter die Motive besichtigt. Sind alle mit Ort und Bedingungen einverstanden, organisiert Gerhardt die Termine für den Dreh oder das Fotoshooting.

Location Scouts benötigen ein hohes Maß an Vorstellungskraft und sollten in der Lage sein, Texte schnell visualisieren zu können. "Wir müssen nach Lesen eines Drehbuches schon vor Augen haben, wie das Motiv aussehen könnte", sagt Gerhardt.

Einfallsreichtum, Organisationstalent, ausgeprägte Recherchefähigkeiten und diplomatisches Geschick sollte ein guter Location Scout zudem mitbringen. Und er oder sie muss gut fotografieren können. "Fotos sind das einzige, was man von der Location mitbringt. Anhand der Bilder müssen sich Szenebildner und Regisseur das Motiv vorstellen können", sagt Gerhardt.