Führungsfrauen suchen die Verantwortung – Seite 1

Frauenförderung ist in der Personalpolitik der Konzerne angekommen – doch immer noch ist in den Vorständen von 65 der 160 börsennotierten Unternehmen in Deutschland keine einzige Frau vertreten. Auch der Women-on-Board-Index (WoB-Index) belegt, dass trotz der öffentlichen Debatte der Frauenanteil in Führungspositionen stagniert.

Cover von "Die Kunst des Aufstiegs"

Warum haben es einzelne trotzdem geschafft? Was kennzeichnet Frauen, die Führungspositionen erreicht haben, etwa Vorstands- und Aufsichtsratsposten? Die Psychologin Monika Henn gibt in ihrem Buch Die Kunst des Aufstiegs eine Antwort. Dem Buch liegt eine Studie der Management-Trainerin zugrunde, für die sie 125 Frauen – Managerinnen aus Vorständen, Geschäftsführung und Führungskräfte sowie Frauen, die auf unteren Positionen arbeiten – befragte und miteinander verglich. Alle befragten Frauen arbeiteten in Großunternehmen. Jetzt ist die zweite, aktualisierte Auflage von Henns Studie erschienen, die angesichts der Debatte um eine Frauenquote wichtige Hinweise gibt, was Frauen bei der Karriere zurückhält.

Die Frauen waren so gewählt, dass sie eine formal gleiche Qualifikation hatten. Die Untersuchung zeigte: Die Führungsfrauen haben deutlich andere Eigenschaften als Frauen, die normale Mitarbeiterinnen bleiben.

Sie zeigen mehr Eigeninitiative und formulieren früh den Wunsch nach Gestaltungsspielraum. Sie wollen Einfluss nehmen, sprechen aber nicht so gern von Macht, sondern von Verantwortung.

Selbstbewusstsein als Schlüssel für Aufstiegskompetenz

Führungsfrauen wissen, wie wichtig Netzwerke für die Karriere sind und knüpfen früh Kontakte zu statushohen Vertretern aus der Branche. Oft finden sie schon früh einen Mentor oder eine Mentorin. Mit Misserfolgen können sie besser umgehen, sie beziehen ein Scheitern weniger auf sich persönlich und stehen schneller wieder auf. Der Schlüssel für ihr besseres Abschneiden liegt in einem hohen Selbstbewusstsein.

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Das verleiht ihnen Aufstiegskompetenz, wie Henn es nennt. Sie meint damit die Fähigkeit dieser Frauen nennt, die strukturellen und informellen Hindernisse auf ihrem Karriereweg besser zu bewältigen als andere. Dazu gehört auch, Konkurrenz auszuhalten .

Kurioserweise, stellt Henn in ihrer Untersuchung fest, betonen die Führungsfrauen trotzdem, sie hätten weniger Selbstbewusstsein als ihre männlichen Kollegen. In den Interviews berichten sie von Selbstzweifeln, Unsicherheiten und starker Selbstkritik. Henn bezeichnet sie als mindestens ebenso selbstkritisch wie Frauen, die auf der Karriereleiter nicht emporsteigen. "Weibliche Führungskräfte hinterfragen ihr eigenes Verhalten viel häufiger", schreibt die Autorin.

Selbstbewusstsein und dickes Fell

Auch meinen Frauen, mehr leisten zu müssen als Männer. Henn vergleicht diese eigene Erwartungshaltung mit dem Ergebnissen aus der Forschung: Tatsächlich zeigt sich, dass von Führungsfrauen überdurchschnittliche Leistungen erwartet werden – schon deshalb, weil ihre Ergebnisse stärker unter Beobachtung stehen. Weil es so wenige Führungsfrauen gibt, sind sie in einem Unternehmen auch sichtbarer. Das muss aber nicht immer ein Nachteil sein: Der mitunter einzigen Führungsfrau in einem Konzern kommt automatisch die Aufmerksamkeit zu, um die ihre männlichen Konkurrenten erst kämpfen müssen.

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Dennoch brauchen Entscheiderinnen ein dickeres Fell. Flapsige, teilweise sexistische Äußerungen von Männern gehören zu den Erfahrungen, die Frauen beim Aufstieg machen. Henn arbeitet in den Interviews mit den Führungsfrauen heraus, dass sie humorvoll mit abwertenden Sprüchen umgehen und davon abraten, das Verhalten der Männer offen zu kritisieren.

Die Hürde im Kopf

Immer wieder nimmt die Autorin in ihrem Buch auch Bezug auf die strukturellen und politischen Rahmenbedingungen, die Frauen bei der Karriere behindern. So zeigt sich, dass die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach wie vor entscheidend ist. 75 Prozent der von Henn befragten Führungsfrauen sind kinderlos. Immer wieder zeigen Untersuchungen zur Berufswahl von Mädchen und jungen Frauen, dass sie schon vor ihrer Wahl die Frage nach der Vereinbarkeit mitdenken, während diese Frage für Jungen überhaupt keine Rolle spielt. Im Buch kommen jedoch auch Führungsfrauen zu Wort, die Familie und Spitzenposition durchaus miteinander in Einklang bringen und diese Frage auch nicht als zentrales Hindernis bei der beruflichen Laufbahn sehen.

Die größte Hürde, bilanziert die Autorin, liege jedoch in den Köpfen – von Männern und Frauen. "Vieles wäre machbar, aber es ist nicht vorstellbar. Der Erfolg beginnt im Kopf."

Die Kunst des Aufstiegs ist wie eine wissenschaftliche Arbeit aufgebaut, aber verständlich geschrieben. Henn liefert nicht nur interessante Ergebnisse aus den Interviews, sie stellt auch die wichtigsten Erkenntnisse aus der Geschlechterforschung übersichtlich vor und erklärt, mit welchen Theorien und Denkmodellen der kleine Unterschied beim Karriereverhalten der Geschlechter erklärt werden kann. Die Kunst des Aufstiegs ein kluges und fundiertes Buch zur aktuellen Debatte um die Frauenquote.