ZEIT ONLINE: Frau Belting, Sie haben sich mit Konkurrenzverhalten am Arbeitsplatz beschäftigt. Gehört Konkurrenz zum Arbeitsalltag?

Julia Belting: Ja. Generell kann man sagen, dass Neid, Missgunst und Konkurrenz zum Berufsalltag in jeder Branche und in jedem Unternehmen gehören. Wo Menschen zusammen arbeiten, gibt es auch Konkurrenz. Und sie lässt sich auch positiv steuern.

ZEIT ONLINE: Konkurrenz hat einen erheblichen Einfluss auf das Arbeitsklima.

Belting: Das stimmt, aber das muss nicht zum Nachteil werden. Konkurrenz bedeutet Wettbewerb, sie ist wichtig für wirtschaftlichen Erfolg. Wir wissen, dass Unternehmen mit Monopolstellung weniger innovativ sind und kostenintensiver produzieren als Unternehmen, die im Wettbewerb stehen. Das lässt sich auch auf das Individuum übertragen: Studien zeigen, dass Mitarbeiter produktiver, leistungsfähiger und kreativer sind, wenn sie in einem Umfeld arbeiten, in dem es viele andere leistungsstarke Mitarbeiter gibt. Manche Unternehmen fördern deshalb den Wettbewerb unter den Mitarbeitern, durch Bonuszahlungen oder Auszeichnungen für die besten Mitarbeiter. Gesunde Konkurrenz führt dazu, dass sich Mitarbeiter angespornt fühlen.

ZEIT ONLINE: Es ist aber auch ein anderer Effekt bekannt: Wenn viele an einem Seil ziehen, nimmt die Kraft von jedem einzelnen ab, weil sich alle auf die Kraft der Gruppe verlassen.

Belting: Entscheidend ist die Sichtbarkeit der Leistung: Wenn die Aufgaben in einem Team so verteilt sind, dass die Einzelleistung noch erkennbar ist, strengen sich alle an. Dann sind auch Bonussysteme sinnvoll. Voraussetzung ist, dass die Einzelleistung noch objektiv messbar sein muss. Bei dem Experiment mit dem Seil ist sie aber nicht mehr erkennbar. Dann kann es dazu kommen, dass sich Schwächere auf Kosten von Stärkeren durchmogeln.

ZEIT ONLINE: Streit ist dann programmiert.

Belting: Streit entsteht, wenn Arbeit ungleich verteilt ist, wenn die Hierarchie unklar ist und sich einzelne Mitarbeiter ungerecht behandelt fühlen. Gefühle wie Neid und Missgunst entstehen, wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihre Leistung nicht an transparenten und objektiven Kriterien gemessen wird. Das kann in Unternehmen mit flachen Hierarchien sogar ausgeprägter sein. Denn konkurriert wird vor allem unter Gleichen – also Mitarbeitern auf der gleichen Hierarchiestufe.

Schädliche Konkurrenz kann aber auch in einer gesunden Wettbewerbssituation entstehen, denn jeder Mensch geht unterschiedlich mit Konkurrenz um. Die einen sehen sie als sportliche Herausforderung, die anderen fühlen sich dadurch bedroht. Die Angst ist umso stärker, je mehr auf dem Spiel steht: die Versetzung, die Bonuszahlung oder sogar der Job.

ZEIT ONLINE: Wie zeigt sich schädliche Konkurrenz?

Belting: Wenn Neid und Missgunst verleugnet werden und nicht mehr auf der Sachebene, sondern auf der Beziehungsebene mit unfairen Mitteln ausgetragen werden . Dann kann es zu Mobbing kommen. Das beginnt meist recht harmlos: Wichtige Informationen werden nicht mehr weitergegeben, ein Kollege klaut dem anderen die Idee oder lässt ihn absichtlich bei einer Präsentation unerwähnt. Dieses Verhalten zielt darauf ab, den Konkurrenten auszubremsen. Manchmal äußern die Konkurrenten Zweifel an der Kompetenz des anderen – und organisieren sich schließlich Unterstützer. Es schaukelt sich dann ein Konflikt hoch.