Und das ist nicht einmal schlecht. Imitatoren sorgen ebenso für Wachstum, Wohlstand und Jobs wie Innovatoren, sagen Forscher wie Shenkar und Nicolai. Die Nachahmer sparen Studien zufolge etwa ein Drittel der Kosten ein, die der Innovator hat. Außerdem fällt es ihnen leichter, wie Casacanda an Geld von Risikokapitalgebern zu kommen, weil sich das Konzept bereits bewährt hat. "Die profitabelsten Unternehmen sind oft diejenigen, die eine kräftige Prise Nachahmung enthalten", so Shenkar. Es ist einerseits verständlich, dass sich die Innovatoren darüber aufregen: Sie haben Arbeit, Energie und Geld in ihr Geschäftsmodell gesteckt, das nun von anderen kopiert wird. Sie haben sich in Sackgassen verirrt, die andere umgehen. Sie haben bei Geldgebern an verschlossene Türen geklopft, die ihren Nachahmern weit offen stehen. Nur eines vergessen die Pioniere dabei oft: Sie selbst können davon profitieren, wenn sie imitiert werden.

Michael Minis und seine Mitgründer verzichteten im Juni 2010 auf viel Schlaf. Bis tief in die Nacht diskutierten sie ihre Geschäftsidee. Minis erzählte den anderen von Car2Go , einem Angebot des Autoherstellers Daimler, das es ermöglicht, Kleinwagen spontan und minutenweise anzumieten. Ein Mitgründer berichtete von der US-Firma Rent-A-Wreck , die alte Autos günstig verleiht. Wie wäre es, wenn man die Konzepte kombinieren und erweitern würde, fragten sich Minis und seine Partner. Die Antwort heißt Tamyca : eine Internet-Plattform, auf der Privatpersonen ihre Autos aneinander vermieten, stunden- oder tageweise. Mit Versicherung und ohne zusätzliche Technik. Anders als Car2Go braucht das Startup dafür nicht mal einen Fuhrpark, es verdient an jeder Vermietung über seine Internet-Plattform mit. Eine bestechende Idee – mit einem Haken: "Wir waren die Ersten", sagt Minis, "aber das hieß auch, dass wir die Menschen erst von unserer Idee überzeugen mussten."

Dabei bekamen sie unverhoffte Schützenhilfe. Denn kaum war Tamyca gestartet, entdeckten Wettbewerber den Markt. Was den Gründern zunächst die Sprache verschlug: Die Konkurrenten entschieden sich für ein ähnliches Preismodell, selbst ihre Internet-Seiten ähnelten Tamyca. Ein Anbieter habe sogar versucht, Kunden gezielt abzuwerben, erzählt Minis. "Über all das waren wir nicht glücklich", sagt der Gründer, "aber die Nachahmer haben uns auch sehr geholfen." Sie trugen dazu bei, die Idee unter den Menschen zu verbreiten. Und signalisierten Geldgebern, dass der Markt attraktiv sein muss. Nachdem sich Tamyca auf der Suche nach Kapitalgebern anfangs die Zähne ausgebissen hatte, beteiligte sich nun ein Frühphasenfinanzierer. Dadurch gelang es dem Startup sogar, seinen Vorsprung auszubauen: Nach Angaben der Gründer sind auf der Plattform inzwischen 2.500 Autos verfügbar und rund 15.000 Nutzer registriert - ein Marktanteil von 70 Prozent. "Viele Ziele haben wir schneller erreicht als gedacht", sagt Minis, "die unverhoffte Konkurrenz hat uns einfach Beine gemacht."

Kopierer verbessern die Idee

Nachahmer helfen aber nicht nur dabei, einen Markt zu erschließen, sondern fördern auch völlig neue Ideen zutage. Das zeigt die Geschichte des Karlsruher Startups Gloveler . Dessen Gründer kamen im Frühjahr 2007 auf die Idee, eine Internet-Plattform aufzubauen, auf der Privatpersonen Zimmer und Wohnungen vermieten können. Das sollte für die Kunden günstiger und individueller sein, als Hotelzimmer zu buchen. Die Gründer planten, bei jeder Buchung ein paar Euro mitzuverdienen. Die Idee war so neu, dass auch Gloveler bei Investoren nicht landen konnte. Die Gründer schickten ihren Businessplan etwa an Stephan Uhrenbacher, einen Serienunternehmer und Investor, der unter anderem auch am Ökomarktplatz Avocado Store beteiligt ist, doch der lehnte ab. Gloveler-Mitgründer Marco Umfahrer hat eine simple Erklärung: "Wir waren zu früh dran."

Also setzten sie ihr Projekt mit der Hilfe eines Exist-Gründerstipendiums um, mit dem das Bundeswirtschaftsministerium innovative Ausgründungen aus der Wissenschaft fördert. Dann bauten sie das Unternehmen langsam auf. Inzwischen sind auf Gloveler 35.000 Privatunterkünfte in mehr als 60 Ländern buchbar – und das, obwohl im Jahr 2011 eine ganze Armada von Nachahmern startete.

Der Erfolg des amerikanischen Unternehmens Airbnb , das 2008 in den USA an den Start ging, hatte die Klone geweckt. Wie üblich kupferten die Samwer-Brüder die Idee ab und nannten ihr Portal Wimdu. Stephan Uhrenbacher, der sich für Gloveler nicht hatte erwärmen können, brachte die Plattform 9flats an den Start. Airbnb selbst kam über den Teich, um Europa zu erobern. Plötzlich berichteten die Medien über den Dreikampf, den Investoren mit Millionen von Euro befeuerten – nur von Vorreiter Gloveler war keine Rede. "Natürlich hat uns das geärgert", sagt Gründer Umfahrer, "aber geschadet hat es uns nicht." Die Nachahmer seien der beste Beleg dafür, dass Markt und Geschäftsmodell funktionieren. Und tatsächlich: Seit 2011 erwirtschaften die Gloveler-Gründer Gewinne. Und sie machen sich das zunutze, was ihnen anfangs Angst eingejagt hat: das wachsende Angebot an Wettbewerbern. Die Gründer haben einen "Unterkunftsmanager" entwickelt, mit dem Vermieter ihre Präsenz, Belegungskalender und Buchungen auf den verschiedenen Plattformen koordinieren können.