Shanya Anderson quengelt. Es war ein langer Freitag für die Zweijährige: Sie hat Tiere gemalt, Türme zuerst gebaut und dann umgeworfen, mittags gab es Kartoffelbrei und danach ein Schläfchen. Jetzt ist es halb acht abends. Doch Shanya sitzt nicht zu Hause in ihrem Kinderzimmer, sondern in der 911 Daycare im New Yorker Stadtteil Brooklyn . Die Kinderbetreuung ist die einzige in der Umgebung, die rund um die Uhr geöffnet ist.

Zum Glück für Shonette Anderson. Die junge Mutter musste heute wieder lange arbeiten, bei einer Versicherungsfirma Anrufe entgegen nehmen. Von dort ging es direkt weiter zur Abendschule. Denn sie will Grundschullehrerin werden, irgendwann. Das kostet jede Menge Zeit. "Ich brauche einfach diese Flexibilität", sagt die alleinerziehende Mutter. Und so kommt Shanya Anderson mindestens drei Mal in der Woche zur Kinderbetreuung, meist für acht Stunden oder länger. "Ich bin froh, dass ich Shanya jederzeit hier vorbeibringen kann. Selbst am Wochenende kann sie hier sein."

Mit ihrer Not ist Anderson nicht alleine. Nine to five , die alten Standardzeiten auf dem Arbeitsmarkt, haben sich längst überlebt, immer weniger Menschen in den USA arbeiten zwischen neun Uhr morgens und fünf Uhr abends. Rund 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung arbeite inzwischen abends, frühmorgens, nachts oder an Wochenenden, erklärte Harriet B. Presser vor Kurzem in der New York Times . Die Professorin für Soziologie an der Universität von Maryland beschäftigt sich seit Jahren mit dem Wandel des Arbeitsmarktes. "Die Nachfrage der Eltern, die für ihre Kinder eine flexible Kinderbetreuung suchen, steigt ständig", so Presser.

Und der Markt reagiert: Das zuständige Gesundheitsamt, das die Lizenzen für Kinderbetreuung in New York City vergibt, zählt inzwischen rund 190 Einrichtungen, die sich fast zu jeder Tageszeit um die Kinder kümmern – ob morgens um fünf oder Sonntagnachmittag um drei.

Die Notfall-Kita

Dolores Murat hat ihre 24-Stunden-Kita vor zwei Jahren in Brooklyn eröffnet. In der Clarendon Road, einer breiten Straße, gesäumt von schmalen, höchstens zweigeschossigen Wohnhäusern mit Vorgärten in Badehandtuchgröße, fällt die Kita kaum auf, fast unbemerkt verschwindet sie in einem der Wohnhäuser. Nur das große selbstgepinselte Schild mit der Aufschrift "911 Daycare " gibt einen Hinweis.

911 – wer die Nummer in den USA wählt, will einen Notfall melden. Das war auch Murats Idee: Wenn es einen Notfall gebe, dachte die Kindergärtnerin, könne sie für einige Stunden auf die Kinder aufpassen. Das macht die Planung für sie allerdings schwierig. "Manchmal soll das letzte Kind eigentlich um elf Uhr abends abgeholt werden, aber dann dauert es doch noch bis zwei Uhr nachts", sagt sie.

Aus solchen Notfällen ist längst der Normalfall geworden: Viele der Kinder kommen regelmäßig in die Tages- und Nachtstätte, oft bleiben sie bis spät in den Abend. Die Krise am Arbeitsmarkt habe die Nachfrage noch einmal nach oben getrieben, so die Kindergärtnerin. "Die Leute nehmen jeden Job an, den sie kriegen können." Da seien sie froh, wenn sie schnell und flexibel reagieren könnten und ihre Kinder auch zu ungewöhnlichen Zeiten nicht alleine lassen müssten. Kindermädchen, die aufpassen, wenn Mama oder Papa arbeiten sind, leistet sich in New York nur die Mittelschicht.