Sie sollen den Kurs eines Schiffes beobachten und die Besatzung vor Unglücken schützen: Seit Jahrhunderten zieren Galionsfiguren als Glücksbringer den Bug von Schiffen und Booten. Diese Tradition hat bis heute überdauert. Entworfen wurden die Figuren von Schiffsbildhauern. Heute gibt es noch etwa ein Dutzend Menschen, die diesen Traditionsberuf ausüben. Hauptberuflich sind es sogar nur zwei – das Künstlerehepaar Claus und Birgit Hartmann . Seit 18 Jahren hat das Paar seine Werkstatt auf der Weserinsel Harriersand.

"Als wir 1994 damit angefangen haben, gab es den Beruf fast gar nicht mehr", erzählt Claus Hartmann. Durch die Technisierung und Motorisierung im Schiffbau war das Handwerk fast ausgestorben. Einige wenige Tischler schnitzten gelegentlich noch Figuren für Schiffe – mehr aus Nostalgiegründen als zur Bewahrung des Traditionsberufs. Das Paar war fasziniert von der Schiffsbildhauerei. Experten, die sich allein auf dieses Feld spezialisiert hatten, suchten sie allerdings vergebens. Und so entschieden sie, diese Nische zu besetzen. Der Bau von Segelschiffen und Yachten hat wieder zugenommen und nicht wenige Wassersportler interessieren sich für die Einzelanfertigungen.

Mittlerweile sind die Hartmanns weltweit wohl die größten Experten auf diesem Gebiet. In den vergangenen 20 Jahren haben sie unzählige Figuren und Schiffsverzierungen hergestellt, darunter für so namhafte Schiffe wie die Gorch Fock , die Royal Kipper , die Fridtjof Nansen oder die Alexander von Humboldt II . Die Größe der Figuren variiert. Manche sind so groß wie echte Menschen, einige sogar noch größer. "Die Galionsfigur für die Royal Clipper war vier Meter groß. Sie bestand aus mehreren Teilen und hat die ganze Werkstatt eingenommen", erzählt der Künstler. Auch Namensschilder, geschnitzte Verzierungen und Skulpturen für den Innenbereich stellen die beiden her. Zumeist arbeiten sie mit Holz, aber auch mit Metall und Kunststoff.

Oft haben die Kunden nur eine vage Idee davon, wie ihr Schiff verziert werden soll. Einige bringen eine Zeichnung oder ein Foto mit. Dann müssen die Künstler klären, was genau gewünscht wird und welches Budget zur Verfügung steht. "Das Auftragsbudget variiert stark und kann von 200 bis hin zu 200.000 Euro reichen", sagt Hartmann. Der Preis richtet sich nicht nur nach Größe und Aufwand, sondern auch nach Material und Arbeitsstunden.

Sind sich Kunden und Künstler einig, fertigen die Bildhauer Zeichnungen an. Dann kann sich der Kunde vorstellen, wie die Verzierung am Schiff später wirken wird. Wenn das Design den Vorstellungen entspricht, geht es an die Ausarbeitung der echten Galionsfigur. Die einzelnen Arbeitsschritte sind letztlich die gleichen wie in der Bildhauerei.

Viele Arbeiten dauern zwei Monate

Natürlich ist das Meiste Handarbeit – allerdings mithilfe von modernen Maschinen und Werkzeugen. Je nach Größe kann es bis zu zwei Monate dauern, ehe eine Galionsfigur fertig ist. Und dann kommt ja noch die Bemalung und Lackierung. Auch das übernehmen die Künstler selbst. Im Laufe eines Jahres setzen die Hartmanns 10 bis 15 Projekte um, in der Regel arbeiten sie an mehreren Aufträgen parallel.

Hin und wieder wünschen Kunden auch Reparaturen und Restaurationen. "Einmal im Jahr begutachten wir allerdings die Alexander von Humboldt II und das Schulschiff Deutschland ", erzählt Claus Hartmann. Sie kontrollieren den Zustand der Verzierungen und der Galionsfigur, bessern mitunter den Lack nach, behandeln die Oberfläche oder stopfen Risse.

Die Schiffsbildhauerei ist kein offizieller, staatlich anerkannter Beruf, entsprechend ist keine Ausbildung in diesem Beruf möglich. Eine Lehre als Tischler, in einem anderen Holz verarbeitenden oder auch künstlerischen Beruf ist hilfreich für die Arbeit. Auch Kenntnisse aus dem Schiffsbau sind wertvoll für den Job.