Wie funktioniert Macht? Was sind ihre Mechanismen, wie ist ihre Wirkung? Und warum scheinen manche fast wie von selbst mächtiger zu sein als andere? Der Managertrainer Reiner Neumann hat sich ausgiebig mit diesen Fragen beschäftigt. Er schult Vorstände, Geschäftsführer und Personen des öffentlichen Lebens. In seinem Buch Die Macht der Macht beschreibt er, wie Macht wirkt, psychologisch und strukturell. Das Buch richtet sich vorrangig an Führungskräfte. Neumann gibt ihnen konkrete Tipps, wie sie sich verhalten und auftreten sollen. Aber auch jeder normale Mitarbeiter dürfte von der Lektüre profitieren. Der Autor beschreibt verständlich, wie Machtstrukturen entstehen und wie sie wirken. Auch stellt er für jeden anwendbar dar, wie man sich erfolgreich positionieren kann.

Dabei hebt sich das Buch deutlich von den üblichen Karriereratgebern rund um das Thema Macht ab. Neumann zitiert dabei aus einer Fülle von Büchern und greift auch schon mal auf Philosophen zurück, wie in der Einführung, in der die grundlegenden Definitionen des Machtbegriffs dargestellt werden.

Neumann verweist auf Max Weber, demzufolge Macht eine Chance ist, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstände durchzusetzen. Vor allem nähert sich der Autor dem Machtbegriff psychologisch. Für so gut wie jede Aussage führt er eine psychologische Studie heran. Das macht nicht nur Spaß zu lesen, es bildet auch. So verweist Neumann auf Untersuchungen wie die Studie der BWL-Professorin Sonia Bischoff, der zufolge attraktive Menschen als intelligenter und kompetenter gelten . Entsprechend findet man attraktive Menschen auch überdurchschnittlich oft in Führungspositionen. Das Gleiche gilt übrigens auch für Menschen mit einem akademischen Titel oder einem Adelstitel. Auch hier, so Neumann, greifen psychologische Effekte. Menschen mit Titeln oder klingenden Namen wird mehr Kompetenz zugesprochen als anderen.

Cover von "Die Macht der Macht"

Neumann führt außerdem aus, dass vor allem solche Menschen in Führungspositionen aufsteigen, für die Macht ein starkes Handlungsmotiv ist. Weil auf solche Menschen ein Top-Job, der entsprechende Status, aber auch Verantwortungs- und Gestaltungsspielraum besonders attraktiv wirkt, sind sie eher in Führungspositionen zu finden. Sie neigen aber auch dazu, die formale Macht einer Position mit ihrer Person zu verwechseln oder zu betonen, dass Macht eine ihrer persönlichen Eigenschaften sei.

Feldstudien von amerikanischen Psychologen stellen fest: Machtmenschen legen oft Verhaltensweisen an den Tag, die man eher von Soziopathen kennt . Wer Macht hat, neigt dazu, eher impulsiv zu handeln, andere Menschen körperlich unangemessen zu berühren, riskante Entscheidungen zu treffen und sich generell eher dominant zu verhalten. Das erklärt, warum es so oft zum Missbrauch von Macht kommt, zu sexueller Belästigung in der Arbeitswelt und auch, warum viele Machtmenschen oft das Maß verlieren und Firmenpleiten zu verantworten haben.

Wie nonverbale Machtspiele funktionieren

In elf Kapiteln erläutert der Autor, wie sich Macht in Körpersprache, Ausstrahlung und Aussehen darstellt, wie sich Macht in der Sprache niederschlägt und wie Symbole, Zeichen und Statussymbole Macht untermauern.

Vieles, was Neumann erläutert, hat man schon gehört. Interessant ist vor allem seine praxisorientierte Herangehensweise: Der Autor beschreibt beispielsweise, woran man nonverbale Machtspiele erkennt. Wenn kein Stuhl angeboten wird, der Gesprächspartner eine wichtige Verhandlung immer wieder unterbricht, um Telefonate zu führen, das Gegenüber bei wichtigen Ausführungen den Kopf schüttelt, ironisch lächelt, laut auflacht oder laut in den Unterlagen blättert, sich von der Körpersprache größer macht, aufsteht und vielleicht sogar herunterstarrt und Anweisungen gibt. So gut wie jeder – ob Führungskraft oder normaler Mitarbeiter – hat solche Verhaltensweisen schon erlebt. Wer sich die Macht zurückholen will, sollte dieses Verhalten konterkarieren und sich offensiv verhalten, rät der Autor. Auch der Rangniedere muss sich Machtgehabe nicht wehrlos gefallen lassen. Das gilt umso mehr, wenn Übergriffe durch den Mächtigeren erfolgen. Neumann stellt immer wieder dar, wie auch Menschen ohne formale Macht ihren Raum einnehmen können.