Wenn sich Boris Beuke nach Afghanistan sehnt, läuft er mit seiner Truppe in den Englischen Garten. Er beginnt seinen Weg an der Brücke, auf der die Busse über den Eisbach fahren. Läuft über den Kinderspielplatz mit der Rutschbahn, vorbei an den Lichterketten, die den Chinesischen Turm erhellen. Dann biegt er ab, sprintet die Stufen hoch, die zum Monopteros-Tempel führen. Oben angekommen, schiebt er sich die Mütze aus der Stirn. "Was für eine Stille", sagt er. Und brüllt dann Kommandos.

Neben seinen Füßen am Boden keuchen Menschen. Beuke bückt sich, er lächelt. "Weitermachen!", kommandiert er. Es ist ein Keuchen, wie er es aus den Bergen Afghanistans kennt. Als Soldat der ISAF-Schutztruppe hat er mit der afghanischen Armee im Hindukusch trainiert. Der Krieg ist für Beuke seit Monaten vorbei. Seitdem führt er zusammen mit seiner Frau die Urban Fitness GmbH . Einiges von dem, was Beuke während seines Einsatzes für die Bundeswehr gelernt hat, bringt er in seinen Military Fitness-Kursen nun Büroangestellten bei.

Oben auf dem Monopteros, dort wo sich im Sommer Verliebte küssen, hat Michael Thimann, 35, die Hände im Matsch, die Zehen auf der ersten Tempelstufe, die Nase Zentimeter von der Erde entfernt. Der Controller macht seinen fünfunddreißigste Liegestütz, seine Arme zittern, durch seine Bartstoppeln fließen Schweißbäche wie pralle Adern. Thimann knurrt. Er sucht seine letzten Reserven. Neben ihm in der Dunkelheit zittern die Arme einer Verkäuferin, einer Physiotherapeutin, zweier Studenten. Es ist ein Mittwochabend, Michael Thimann feiert an diesem Tag Geburtstag. Als seine Arme versagen, muss er zur Strafe zehn Hampelmänner machen. "Will dein Körper nicht, oder wie?", brüllt Beuke. Thimann hängt eine Runde dran.

"Ich übertrage das Militärische aufs Zivile", sagt der ehemalige Soldat. Die Firma, in der viele verschiedene Sportkurse zusammenlaufen, hat seine Frau im April 2010 gegründet. Es ist der Monat, in dem Beuke und seine Kompanie die afghanische Armee in die Provinz Baghlan begleiten. Der Monat, in dem die Truppe gegen 14.30 Uhr Ortszeit an der "Dutch Bridge" hält, und neben dem schlammigen Wasser ein Sprengsatz hochgeht. Vier Kameraden starben. Beuke ruft zu Hause an. Er sagt: "Macht Euch keine Sorgen." Es ist der Monat, in dem Kanzlerin Angela Merkel im Bundestag zum ersten Mal das Wort "Krieg" in den Mund nimmt.

Die Stadt als Bootcamp

Das Military-Fitness-Training ist das, was Beuke aus diesem Krieg mitgebracht hat. "Die Stadt ist dein Bootcamp", lautet sein Leitspruch. Er sagt, seine Erfahrungen in Afghanistan hätten nichts damit zu tun, dass er heute als Sportlehrer arbeitet. Aber er glaube, dass Sport den Soldaten dabei helfe, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Hin und wieder trainiert er auch noch Soldaten bei der Bundeswehr.

Sein Training sieht fast wie eine Militärübung aus. Beuke läuft voran, die  Gruppe folgt ihnen in einer Reihe, schweigend. Wenn Beuke Anweisungen gibt, kommen seine Worte schnell und präzise. Links überholen, rechts überholen, Kniebeuge. Runter auf den Boden. Sprint.

Neben dem Eisbach, dort, wo sich im Sommer die Nackten sonnen, springt der Controller Thimann mit geschlossenen Beinen den Weg entlang. Bei jedem Sprung presst er die Arme vor den Körper. "Schubkarre", ruft Beuke. Thimann packt seinen Partner an den Waden. Er hechelt jetzt. An einer Steintreppe hupst er auf einem Bein die Stufen hoch und runter. Dann springt eine Frau ihm auf den Rücken, Huckepack-Rennen. Als die Gruppe an einem Stapel Rundhölzer vorbeiläuft, brüllt Beuke: "Hölzer nehmen und weiter!" Thimann trägt seinen massiven Scheit auf der Schulter wie ein erlegtes Tier.