Bei uns herrscht eine Langzeitarbeitskultur. Die Folge: Einige Mitarbeiter sind dauerhaft überarbeitet, andere sind sehr demotiviert. Ich als Vorgesetzter möchte das jetzt ändern. Was kann ich tun?, fragt Sven Schumacher, Filialleiter bei einem Bekleidungsunternehmen.

Sehr geehrter Herr Schumacher,

zum einen sollten Sie gute Voraussetzungen für eine Work-Life-Balance schaffen, zum anderen diese selbst praktizieren.

Generell entwickelt sich eine Langzeitarbeitskultur  ja nicht von allein. Oft hat es zuvor Ansagen aus dem Management gegeben, dass die Mitarbeiter glauben, sie müssten sehr viel und sehr lange arbeiten. Irgendwann verselbständigt sich dann so ein Prozess und Überstunden gehören zum guten Ton. Neue und junge Mitarbeiter mögen darin vielleicht noch eine Erfüllung sehen, andere hoffen auf diese Weise aufzusteigen. Und jene, die schon lange da sind, demotiviert dieser Gruppenzwang zum Überengagement. Insgesamt laugt so eine Arbeitskultur alle Mitarbeiter aus und schadet der Firma langfristig.

Es ist daher lobenswert, dass Sie als Führungskraft etwas ändern möchten und das Hamsterrad nicht weiterdrehen wollen. 

Es gibt eine Fülle an Maßnahmen, die Sie treffen können. Entwickeln Sie dazu am besten ein stimmiges Konzept. Aber rechnen Sie damit, dass die Durchsetzung Ihnen einiges abfordern wird. Sie müssen selbst als Vorbild vorangehen und den Veränderungsprozess anschieben.

Der Karrierecoach Christian Holzer rät in seinem neuen Ratgeber Unternehmenskonzepte zur Work-Life-Balance dazu, seine Arbeitskraft auf lange Zeit einzuteilen, um sie jederzeit zur Verfügung zu haben. Das erfordert viele soziale Fähigkeiten. Sich Zeiten zum Nachdenken nehmen und diese in den Arbeitsalltag einbauen, sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, aber auch empathisch sein. Sprechen Sie also Ihre Einschätzung zur Situation an und fragen Sie, wie Ihre Mitarbeiter die Arbeitslast wahrnehmen. Finden Sie heraus, was wirklich hinter den Überstunden steckt. Welche Funktion erfüllt das Überengagement? Warum glauben die Mitarbeiter, dass es nötig ist? Wie geht es den Leuten damit? Was würden sie ändern wollen?

Sprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern über Ziele. Was sind die eigenen Ziele von jedem einzelnen? Was sind die Unternehmensziele? Geben Sie Ihren Mitarbeitern Vertrauensvorschüsse. Machen Sie den Leuten auch klar, dass das Privatleben wichtig ist. Eigene Bedürfnisse, Gesundheit, Familie, Freundschaften wollen gepflegt werden. Das erfordert Zeit und eine richtige Prioritätensetzung. Arbeit und Privatleben sollten miteinander im Einklang stehen. Problematisch hierbei ist, dass viele ihre Bedürfnisse gar nicht kennen, weil ihnen eine gute Beziehung zu sich selbst fehlt. Hier können Coachings hilfreich sein, etwa ein Executive Coaching. Dabei geht es nicht nur um Mitarbeiterentwicklung, sondern häufig auch darum, dafür zu sorgen, dass es allen im Team gut geht. Wichtig ist dabei eine anonyme Coachingsituation. Das Unternehmen erfährt nichts über die Inhalte und Ergebnisse, es gibt allenfalls ein allgemeines Feedback. Der Vorteil für Mitarbeiter: Sie können verschiedene Szenarien (z.B. neue Aufgaben und Rollen, aber auch Überlastung) mit einer neutralen Person durchspielen.