Ich bin neu im Unternehmen und habe schnell gemerkt, dass es einen Mitarbeiter in meinem Team gibt, der mit mir konkurriert. Gibt es eine Möglichkeit, diese Person für mich zu gewinnen?, fragt Jochen Lehmann, Abteilungsleiter bei einem Versandhändler.

Sehr geehrter Herr Lehmann,

solche Beziehungen sind in der Regel Energiefresser und nicht nur für Sie, sondern auch für Ihr Team sowie das Unternehmen belastend. Daher ist es nicht ratsam, sie zu unterschätzen oder zu ignorieren.

Die amerikanische Journalistin Shannon Dunlap und Brian Uzzi, Professor für Veränderungsmanagement an der Northwestern University, haben ein dreistufiges Programm entwickelt, mit dem Führungskräfte Widersacher zu Verbündeten machen können.

Im ersten Schritt müssen die negativen Emotionen, die Ihr Widersacher Ihnen gegenüber verspürt und die sein rationales Denken beeinflussen, "umgeleitet" werden. Dabei sollten Sie offen vorgehen. Das heißt, Sie können versuchen in einem Vieraugengespräch herauszufinden, was Ursache für die Spannungen ist.

Negative Emotionen umleiten

Schlüssel dieser Strategie ist, die negativen Emotionen Ihres Widersachers in einem positiveren Licht darzustellen – also weg von Ihnen zu leiten. Fußt seine Antipathie beispielsweise darauf, dass dieser Mitarbeiter mit Ihrer Position gerechnet hat, können Sie ihm klarmachen, dass nicht Sie für die Situation verantwortlich sind, sondern das Unternehmen, dass Sie geholt hat. Dunlap und Uzzi sind überzeugt, dass solche Interaktionen, wenn sie auch einfach klingen, ähnlich funktionieren wie Schmeicheleien.

Um im zweiten Schritt eine Beziehung zu diesem Mitarbeiter aufbauen zu können, müssen Sie zunächst in Vorleistung treten. Geht es zum Beispiel um einen verhinderten Karrieresprung, können Sie diesem Mitarbeiter Ihre Unterstützung bei seinem beruflichen Aufstieg anbieten – beispielsweise ihn zum Stellvertreter benennen, ihm eine gezielte Weiterbildung ermöglichen oder ähnliches. Lösen Sie ein Problem Ihres Widersachers beziehungsweise befriedigen Sie eines seiner Bedürfnisse, bauen Sie im besten Fall nicht nur zu ihm eine Win-Win-Beziehung auf, sondern auch zu dritten Parteien im Unternehmen.

Bei all dem ist wichtig, dass Sie darauf achten, auch die Gegenleistung zu bekommen. Formulieren Sie in einem dritten Schritt Ihre konkreten Erwartungen. Sie können hier auch eine zeitliche Grenze setzen und dabei den Wert Ihrer Leistung erhöhen. Wenn Ihr konkurrierender Mitarbeiter versteht, was Sie von ihm erwarten und welchen Vorteil er davon hat, dann betrachtet er die Situation  aus einer logischen Perspektive – und mit großer Wahrscheinlichkeit wird dann aus Rivalität eine funktionierende Arbeitsbeziehung.

Leider ist es auch möglich, dass Ihre Bemühungen scheitern können. Dann können Sie noch versuchen, mit einem Vertrauten Ihres Mitarbeiters zu kooperieren. Dieser gemeinsame Verbündete kann diesem die Vorteile einer Zusammenarbeit aufzeigen und ihm klarmachen, dass Rivalitäten am Ende niemandem etwas bringen, sondern alle lediglich blockieren.

Hilft alles nicht, sollten Sie sich zurückzuziehen und die Energie in den Aufbau einer anderen Beziehung investieren.

Ihre Sabine Hockling