Kontaktaufnahme im Roundpen

Das Pferd wartet auf eine Anleitung, es will Orientierung. Aber Michael steht bloß freundlich da, gibt weder mit den Armen noch mit dem Seil  Anweisungen. Für Michael ist diese Analyse aufschlussreich. Er kann sie in seinen Arbeitsalltag übertragen. Als er bei einem Projekt die Koordination übernommen hatte, setzte er auf das freiwillige Engagement der Teammitglieder. Der eine arbeitete mit, der anderen nicht. Erst als Michael mit jedem einzelnen über die Erwartungen und Ziele gesprochen hatte, klappte das Projekt. Kollegen und Mitarbeitern Freiraum zu geben, kann eine Erfolgsstrategie sein. So ein zurückhaltendes, freundliches Verhalten kann aber auch als Führungsschwäche verstanden werden. "Ich finde es gut, dass ich hier mal ganz unmittelbar sehe, wie so was wirken kann", sagt Michael.  

Als wir meine Videoaufnahmen auswerten, muss ich lachen. Die Aufnahmen sind ohne Ton. Was zu sehen ist, ist leider keineswegs so dynamisch und dominant, wie ich dachte. Ich wirke unsicher, stehe mit ablehnender Körperhaltung im Roundpen. Meine skeptisch-distanzierte Begrüßung verunsichert das Pferd, das zeigt das Video. Dann mache ich zwar reichlich Action – aber lediglich mit dem Oberkörper. Meine Beine stehen fest auf dem Boden, immer bereit, im Notfall wegspringen zu können.

Für das Pferd ist meine Körpersprache unverständlich. Während Michael auch mal nah an das Pferd rangegangen ist, bleibe ich mit ordentlich Abstand zum Tier stehen. Die ganze Körpersprache zeigt: Komm mir bloß nicht zu nahe. Aber mach was! Nur was, versteht das Pferd nicht. Was mir in der Reithalle nicht aufgefallen ist: Der Hengst schaut mich fragend an. Er trabt dann los. Aber es sieht aus wie eine Frage an mich: Willst du, dass ich im Kreis trabe?

Die Trainer brauchen nicht viel zu sagen. Die Videoaufnahmen zeigen eindringlich, wie das Tier auf unsere nonverbale Kommunikation reagiert. Auch ich kann mit der Situation etwas anfangen: In neuen Führungsrollen bin ich oft unsicher und mache viel Show. Tatsächlich will ich damit meine Angst überspielen und mich durch Distanz vor Verletzungen schützen. Je sicherer ich mir einer Führungsrolle werde, desto klarer bin ich auch in der Kommunikation – und umso leichter fällt es, ein Team zum Erfolg zu führen.

Für die zweite Übung bekommen wir ein wenig mehr Informationen. Wir lernen, man Pferde schieben und ziehen kann – aber nicht wörtlich, sondern mit Hilfe von Gesten. Und dass die Tiere sehr sensibel auf Druck reagieren. "Wenn es macht, was du möchtest, dann nimm den Druck raus", sagt Krukal.

Unmittelbares Feedback

Diesmal führt der Trainer eine schwarze Stute in die Reithalle. Sie ist das erste Mal in einem Kommunikationsseminar. Die Stute trabt aufgeregt durch die Halle, sie schnaubt. Muss sich erst einmal beruhigen. Der zweite Durchgang funktioniert gleich besser. Obwohl das Pferd die Arbeit  noch nicht so gut kennt, gelingt es allen Teilnehmern leichter, das Pferd zum Traben, Umdrehen oder Stehen zu bringen. Natürlich wissen wir jetzt, welche Bewegungen auf das Tier wie wirken. Aber wir sind uns auch der Wirkung unserer Körpersprache bewusster. Das zeigt sich auch auf den Videoaufnahmen. Ich bin zwar immer noch reserviert, versuche diesmal aber klarer, langsamer und ruhiger zu agieren. Die Stute trabt gemächlich im Kreis. Hebe ich die Hände, stoppt sie sanft.  

Am Ende nehmen wir einige Erkenntnisse mit. Wer über seine Ziele im Klaren ist, kommuniziert klarer – und das zeigt sich in der Körpersprache. Natürlich lassen sich Pferde nur bedingt mit Menschen vergleichen. Die menschliche Kommunikation ist viel komplexer. Aber die unmittelbare Spiegelung hat gut getan.