Sollten Führungskräfte auf Macht setzen, wenn sie Einfluss haben wollen? Oder zahlt sich Machtstreben nicht aus?, fragt Michael Schubert, Vertriebsleiter bei einem Elektronikkonzern.

Sehr geehrter Herr Schubert,

das Thema Machtstreben von Führungskräften polarisiert. Während die einen Machtspiele als widerwärtig empfinden, meinen andere, dass es neben einem fundierten geschäftlichen Fachwissen auch Macht braucht, um etwas bewirken zu können.

Kritiker führen an, dass diese Verhaltensweisen Stress auslösten, zu Auseinandersetzungen führten und sich daher negativ auf Mitarbeiterleistungen auswirkten. Und so ganz abwegig ist es nicht – sind Mitarbeiter doch extrem unzufrieden, wenn es im Unternehmen stark "politisch" zugeht. Die Befürworter dagegen argumentieren, dass sich "politisch kluges" Verhalten auszahle.

Für Jeffrey Pfeffer, amerikanischer Professor für Organizational Behavior an der Stanford University, kommt es auf einen effizienten Einsatz von Macht an. Da, wo es sein muss, setzt sich die machtbewusste Führungskraft durch. Allerdings tut sie das nicht um jeden Preis. Denn zunehmend flache Hierarchien, ein verändertes Selbstverständnis von Mitarbeitern, die auch eine Erfüllung in ihrer Arbeit finden wollen, und eine Arbeitsorganisation in häufig wechselnden, funktionsübergreifenden Teams bringen es mit sich, dass allzu dominante Führungskräfte oft die Akzeptanz verlieren.

Pfeffer konnte verschiedene Machtstrategien ausmachen, die von Führungskräften in der Regel angewendet werden.

Machtspiele gehören oft dazu

Eine beliebte Strategie ist es, Ressourcen als Belohnung zu nutzen. Wer über Geld, Kontakte und Informationen verfügt, die für andere wichtig sind, kann gezielt Macht aufbauen, indem er diese einsetzt, um andere zu unterstützen. Dies funktioniert, weil sich das System von "eine Hand wäscht die andere" langfristig rechne, fand Pfeffer heraus. Weniger altruistisch ist das Vorgehen, Mitarbeiter und Kollegen durch Belohnungen und Strafen zu steuern. Unterstützer werden dabei etwa befördert oder sie dürfen attraktive Projekte übernehmen, Gegenspieler werden bestraft – beispielsweise, indem sie unattraktive und langweilige Aufgaben bekommen und bei Beförderungen nicht berücksichtigt werden.

Entscheidend ist auch, oft an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Diese Präsenz sichere den nachhaltigen Erfolg, so Pfeffer. Effiziente Führungskräfte beißen sich aber nicht fest. Wenn sie feststellen, dass sie bei einem Problem nicht weiterkommen, konzentrieren sie ihre Energie auf ein anderes, das leichter lösbar ist.

Eine weitere Strategie ist es, rasch in die Offensive zu gehen und Gegenspieler mit einem Überraschungseffekt zu überrumpeln. Dieses Verhalten wenden Führungskräfte in der Regel unter Gleichrangigen in Konkurrenzsituationen an. Allerdings müssen Konkurrenten nicht zwangsläufig bekämpft werden. Es kann durchaus sinnvoll sein, sie zu fördern. Nicht selten werden so aus Gegnern Befürworter. Eine andere Variante ist Pfeffer zufolge folgende: Möchte eine Führungskraft einen bestimmten Gegenspieler aus dem Unternehmen drängen, kann sie dem Rivalen auch woanders einen attraktiven Posten verschaffen. Das vermeidet unnötige Machtkämpfe, niemand verliert gern sein Gesicht – oft werde auf diese Weise sogar das Netzwerk gestärkt.

Weitere Machtstrategien zielen eher auf die Arbeitsorganisation ab. Dazu zählt etwa, sich selbst klare Prioritäten setzen zu können und sich nicht in Nebensächlichkeiten zu verzetteln. Machtstreben bedeutet, sich darauf zu konzentrieren, wer und was das Ziel näher bringt. Insofern ist es dann auch konsequent, wichtige Beziehungen mit solchen Personen zu pflegen, die den eigenen Weg unterstützen. Daher sollten Führungskräfte auch viel Zeit und Energie in den persönlichen Austausch mit den Kontakten aus ihrem Netzwerk investieren.  

Schließlich konnte Pfeffer auch bestätigen, dass der alte Spruch von der Hartnäckigkeit, die sich auszahle, offenbar zutrifft. Machtbewusste Führungskräfte erreichen ihr Ziel oftmals trotz erheblicher Widerstände. Entscheidend ist dabei, wie überzeugend das Ziel ist. Es ist leichter, andere zu überzeugen, wenn das Ziel sozial oder wertvoll ist. Deshalb sollten Führungskräfte ihre Ziele so darstellen, dass die Unterstützung als sinnvoll empfunden wird, so Pfeffer.

Ob diese Strategien für Führungskräfte ratsam sind oder nicht, ist nicht pauschal zu beantworten. Moralisch lässt sich trefflich darüber streiten, ob und wie mit solchen Tipps zum Aufbau von Macht umzugehen ist. Fakt ist allerdings auch: In den allermeisten Unternehmen kommt man ohne Machtspiele nicht bis ganz an die Spitze. Am Ende trägt jeder aber die Verantwortung dafür selbst, wenn im Konkurrenzkampf die Fairness außen vor gelassen wird.

Ihre Sabine Hockling