ZEIT ONLINE: Herr Wohlberg, wieso haben Sie sich gemeinsam mit Kollegen als Team bei einem neuen Arbeitgeber beworben?

Götz Wohlberg: Das Motto "Arbeit ist, wo ich bin" ist ja schon älter. Meine Kollegen und ich arbeiteten seit vielen Jahren erfolgreich zusammen. Das wollten wir nicht aufgeben, nur weil uns unsere Firma auf die Straße setzte.

ZEIT ONLINE: Und weshalb wurden Sie entlassen?

Wohlberg: Das liegt an der wechselvollen Geschichte unseres Arbeitgebers. Ich begann 1995 für Star Division in Hamburg zu arbeiten, das 1985 von Marco Börries gegründet wurde. Das Ziel von Star Division war, eine eigene Office-Software zu entwickeln und damit Microsoft herauszufordern. Als die Firma 1999 an Sun Microsystems verkauft wurde, änderte sich an unserer Arbeit im Hamburger Büro kaum etwas. Wir haben weiterhin Anwendungssoftware entwickelt, die Aufgaben wir Rechnen, Schreiben und Präsentieren erleichtern sollte. Als Sun Microsystems 2010 an Oracle verkauft wurde, konnte der neue Eigentümer nichts mit uns anfangen, wir passten nicht ins Portfolio und 2011 schloss Oracle das Hamburger Büro und entließ alle 120 Mitarbeiter. 

ZEIT ONLINE: Hatten Sie eine Idee, wie es weitergehen soll?

Wohlberg: Zunächst hat es mich ziemlich mitgenommen, dass wir alle auf der Straße standen. Doch bald habe ich den Rauswurf als Chance begriffen und überlegt, wie wir mit unserem Wissen aus der Entwicklung von Open-Office-Produkten beispielsweise mit Service-Angeboten eine eigene Firma gründen könnten. Schließlich nutzen mittlerweile weltweit mehr als 100 Millionen Anwender die SoftwareOpen Office. Ich hatte verschiedene Ideen, habe mit Kollegen gesprochen, von denen ich wusste, dass sie sich dafür begeistern konnten.

ZEIT ONLINE: Wie ging es weiter? Haben Sie sich Investoren gesucht oder mit Banken wegen eines Kredits verhandelt?

Wohlberg: Ich bin es anders angegangen und habe mit Managern von Firmen gesprochen, die ich kannte, beispielsweise 1&1, Strato oder die Telekom. Ralf Dommermuth von United Internet erkannte die Chance meiner Idee und lud uns Anfang 2012 zu einem Gespräch ein. Er stellte auch den Kontakt zur Firma Open-Xchange in Olpe her. So nahm das ganze an Fahrt auf und bereits am 1. März unterschrieben wir die neuen Arbeitsverträge.

ZEIT ONLINE: Aber wollten Sie nicht eine eigene Firma gründen?

Wohlberg: Das Angebot und die neuen Aufgaben von Open Xchange passten perfekt zu uns, denn wir bekamen die Aufgabe, Web-basierte Office-Produkte zu entwickeln. Gerade für Softwareentwickler, die sich viele Jahre mit einem Thema beschäftigt haben, ist das faszinierend und viel interessanter, als ein existierendes Produkt weiterzuentwickeln. Gleichzeitig profitieren wir natürlich von unserer langjährigen Erfahrung mit Open Office.

ZEIT ONLINE: Wie viele Ihrer Kollegen entschieden sich für die neue Festanstellung?

Wohlberg: Wir starteten mit zehn Mann. Inzwischen rufen aber immer wieder ehemalige Kollegen an, die bei anderen Firmen untergekommen sind und fragen, ob wir noch Leute brauchen. Auf diese Weise sind weitere aus der alten Firma dazu gekommen.

ZEIT ONLINE: Open Xchange hat seinen Firmensitz in Olpe, einer Kleinstadt im Sauerland, Sie und Ihre Kollegen arbeiten aber in Hamburg. Wollten Sie nicht ins Sauerland ziehen? 

Wohlberg: Für Programmierer ist es gleichgültig, wo sie ihrer Arbeit nachgehen, das Service-Team von Open Xchange sitzt beispielsweise in Nürnberg. Ein Umzug stand nie zur Diskussion, wir sind alle hier verwurzelt. Außerdem nutzen wir die Attraktivität von Hamburg, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Unser Team umfasst inzwischen 16 Kollegen und wir suchen weitere Leute.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert denn die Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens mit den verschiedenen Standorten?

Wohlberg: Wichtigstes Kommunikations-Tool ist eine Gruppen-Chat-Software, über die alle Entwickler in Hamburg und Olpe den ganzen Tag über live miteinander verbunden sind. Sie nutzen es zum Austausch und selbst Kollegen, die sich gegenüber sitzen, schreiben sich, damit alle mitlesen können. Dieser Chat ersetzt den Flurfunk. E-Mail nutzen wir dagegen selten, nur wenn wichtige, offizielle Dokumente versandt werden. Natürlich telefonieren wir auch oder besprechen wichtige Themen via Video-Konferenz. Mindestens einmal im Quartal fahren wir nach Olpe, auch für Workshops treffen wir uns regelmäßig. Außerdem trifft sich die ganze Firma zweimal im Jahr zu Firmenfesten. Das funktioniert ganz hervorragend.

ZEIT ONLINE: Was sind Ihre Aufgaben in der neuen Firma?

Wohlberg: Ich bin der Außenminister des Teams (lacht). Über die Jahre hatte ich schon ganz unterschiedliche Positionen inne. Heute arbeite ich an der Schnittstelle von Marketing und Vertrieb. Mein Büro ist zwar in Hamburg, aber ich bin viel unterwegs und oft in Olpe und Nürnberg.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn Hierarchien im Hamburger Büro oder funktioniert alles  basisdemokratisch?

Wohlberg: Die Software-Entwickler organisieren sich selbst. Jeden Morgen beginnen sie mit einem rund 15-minütigen Meeting. Jeder erklärt kurz, woran er gestern gearbeitet hat und was er für den Tag plant. Der große Vorteil dieser Methode ist, dass jedes Teammitglied weiß, woran die anderen arbeiten, wo es Probleme gibt und wo sie einander unterstützen müssen. Außerdem ist ein Manager für die Entwicklung und ein weiterer für das Qualitätsmanagement verantwortlich. Beide haben auch Personalverantwortung.

ZEIT ONLINE: Haben denn neue Mitarbeiter eine Chance, in so einer eingeschworenen Truppe Fuß zu fassen?

Wohlberg: Wir sind zwar ein eingespieltes Team, doch wir suchen weitere Mitarbeiter. Kürzlich haben wir zwei jüngere Kollegen und die erste Kollegin an Bord geholt. Alle drei fühlen sich in der entspannten Arbeitsatmosphäre bei uns sehr wohl.