Stress macht egoistisch – Seite 1

Als Frederick Taylor am 20. März 1856 zur Welt kam, stand seine Zukunft schon fest. Sein Vater war ein reicher Anwalt, seine Mutter eine entfernte Verwandte des späteren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Die Eltern wollten, dass ihr Sohn ebenfalls Jura studiert, natürlich an der Eliteuniversität Harvard. Soweit der Plan.

Ab 1872 ging Taylor auf eine Privatschule. Er war ein fleißiger, ehrgeiziger Schüler. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, für die Hausaufgaben in Mathematik brauchte er immer genau zwei Stunden. Der Lehrer George Wentworth ließ die Klasse im Unterricht häufig Aufgaben lösen. War einer der 50 Schüler fertig, sollte er mit den Fingern schnipsen. Wenn sich der 25. Schüler meldete, beendete Wentworth den Test sofort. Die Zeit bis dahin stoppte er mit einer Uhr. Daraus leitete Wentworth ab, wie viele Hausaufgaben er den Schülern gab.

Taylor fand diese Methode beeindruckend. Denn Jahre später wurde er selbst ein pedantischer Zeitforscher, dessen Erkenntnisse weiterhin spürbar sind. Heute mehr denn je.

Finden Sie auch, dass das Leben schnelllebiger und hektischer wird? War früher nicht alles irgendwie ruhiger, lockerer, stressfreier? Haben Sie heute weniger Zeit als früher?

Zeit ist Geld

Objektiv ist das Quatsch. Eine Minute hat immer noch 60 Sekunden, der Tag 24 Stunden. Dennoch fühlen sich viele Menschen unter Zeitdruck. Aber wieso eigentlich?

"Denkt immer daran", schrieb 1748 Benjamin Franklin, "Zeit ist Geld."

Blödsinn.

Geld können wir ausgeben, verdienen oder verschwenden. Mit Zeit können wir ... genau: nichts anstellen. Sie vergeht, egal, was wir tun. Dennoch hat sich Franklins Satz etabliert. Zeit gilt als ökonomisches Gut, das wir gewinnen oder verlieren können. Und das verdanken wir vor allem dem reichen Anwaltssohn Frederick Taylor. Er ist nicht nur der Vater des Taylorismus – also der Managementtheorie, wonach Arbeit in kleinste Einheiten geteilt werden sollte, um die Produktivität zu steigern. Sondern er ist gleichzeitig schuld daran, dass viele Menschen heute ständig gestresst sind.

Nach der Schule musste Taylor sein Harvard-Studium sausen lassen. Er war schwer kurzsichtig, stundenlange Lektüre in der Bibliothek hätte seine Augen überfordert. Deshalb begann er 1874 eine Lehre als Mechaniker, vier Jahre später wechselte er zur Midvale Steel Company in Philadelphia.

Dessen Chef William Sellers wollte die Produktion ständig verbessern. Seine Arbeiter hatten da andere Prioritäten. Taylor zufolge widmeten sie sich "systematischer Bummelei". Für den fleißigen Quäkersohn ein Graus. 1883 stellte er deshalb einen Studenten namens Emlen Hare Miller ein. Dessen Aufgabe bestand darin, den ganzen Tag mit einer Stoppuhr und einem Notizblock durch die Fabrik zu gehen. Minutiös erfasste er jede einzelne Bewegung der Arbeiter und notierte, wie viele Sekunden sie für jeden einzelnen Arbeitsschritt benötigten. Der Sinn der Sache: Taylor wollte vor allem Zeitverschwendungen sichtbar machen.

Bei den Arbeitern machte er sich damit verständlicherweise unbeliebt, bei Fabrikchef William Sellers weniger: Innerhalb von acht Jahren stieg die Produktion bei Midvale um mehr als 300 Prozent. 1889 verließ Taylor seinen Posten und verdingte sich als freiberuflicher Unternehmensberater. Nun hielt er regelmäßig Vorträge vor Fabrikchefs, die ihm begeistert zuhörten und sich von seiner Methode inspirieren ließen.

So begann der Siegeszug des Taylorismus. Doch gleichzeitig verwandelte seine Philosophie die Zeit in einen Rohstoff, der gespart oder verschwendet werden konnte. Die industrielle Produktion sollte effizient ablaufen. Deshalb mussten die Arbeiter in einer Stunde mehr herstellen, die Zeit also sinnvoll nutzen.

Anders formuliert: Zeit war nun wertvoll, Leerlauf, Müßiggang und Nichtstun hingegen verpönt. Diese Denke prägt uns noch heute. Aus einer Produktionsmethode wurde eine Lebenseinstellung.

Wir werden älter, aber haben weniger Zeit

Es ist schon seltsam: Vom Rohstoff Zeit besitzen wir heute mehr denn je. Die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen Jahrtausenden verdreifacht, Wasch- oder Spülmaschinen nehmen uns lästige Aufgaben ab, Autos und Züge fahren schneller. Der Fortschritt sollte eigentlich Zeit sparen, uneigentlich sind viele in Eile.

Jeder dritte Deutsche hat das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben, sogar vier von fünf Kindern geht das so. Sie befürchten, die wirklich wichtigen Dinge zu vernachlässigen. Freunde, Partner oder Hobbys etwa.

Der technologische Wandel sorgt für zusätzliche Geschwindigkeit. Vorbei die Zeiten, in denen wir vor dem Abrufen der E-Mails ein Modem einschalten mussten; in denen wir entweder im Internet surfen oder im Festnetz telefonieren konnten. Der Fortschritt ermöglicht es nicht nur, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Er vergrößert das Angebot – und erhöht den Druck.

Die Rolltreppe läuft zu langsam, stattdessen gilt "Rechts stehen, links gehen". Im Supermarkt wechseln Kunden die Kasse, wenn es ihnen zu lange dauert. Arbeitnehmer wollen den Tag im Büro sinnvoll planen, immer mit Blick auf die Uhr. Alles schön und gut und verständlich. Doch wahr ist auch: Diese permanente Hektik verändert uns.

"Wer Zeit als monetäres Gut sieht, der wird blind für die schönen Dinge des Lebens", schrieb 2012 Sanford DeVoe, Professor an der kanadischen Rotman School of Management in einer Studie. Dadurch ignorieren Menschen Erfahrungen und Erlebnisse, die ihnen eigentlich Spaß bereiten. Ständig befürchten sie, Zeit vermeintlich zu verschwenden, und machen sich letztlich selber unglücklich – und ihre Mitmenschen gleich mit. Denn wer gestresst ist, verhält sich automatisch unsozialer. Zu diesem Ergebnis kamen die Psychologen John Darley und Daniel Batson bereits 1973 in einem heute legendären Experiment.

Unbarmherzige Studenten

An drei kalten Wintertagen ließen sie 40 Theologiestudenten der Universität Princeton einen Vortrag vorbereiten, allerdings zu unterschiedlichen Themen. Während die einen über die Berufschancen von Theologen referieren sollten, ging es bei den anderen um eine Passage aus dem Lukas-Evangelium: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Darin betont Jesus, wie wichtig Nächstenliebe und Selbstlosigkeit sind.

Die Studenten bereiteten sich zunächst in Ruhe vor. Dann erfuhren sie, dass ihr Vortrag in einem anderen Hörsaal stattfinden und von Dozenten benotet werde. Der einen Hälfte gaukelten die Wissenschaftler nun vor, spät dran zu sein. Die andere Hälfte glaubte, dass sie noch Zeit habe. Jetzt stapften alle los. Die einen hektisch, die anderen seelenruhig.

Nach ein paar Metern trafen sie auf einen Komplizen von Darley und Batson. Der hatte sich als Obdachloser verkleidet und kauerte in einem Hauseingang. Den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen.

Wenn einer der Studenten anhielt und ihn fragte, ob alles gut sei, hustete er und sagte: "Oh, vielen Dank ... nein, alles in Ordnung ... ich habe bloß Atemprobleme (hüstel) ... mein Arzt hat mir diese Pillen verschrieben, und ich habe gerade eine genommen ... ich muss mich nur kurz ausruhen, dann ist wieder alles in Ordnung ... aber vielen Dank, dass Sie angehalten haben." Dann lächelte er gequält.

Es war also offensichtlich, dass er Hilfe gebrauchen konnte, vor allem aufgrund der eisigen Kälte. Würden die Theologiestudenten stehen bleiben? Und welche Rolle spielte der Faktor Zeit? Veränderte die Eile die Hilfsbereitschaft? Und ob. Wenn sie viel Zeit hatten, hielten immerhin 63 Prozent. In großer Eile machten das nur zehn Prozent. Das Zeitempfinden beeinflusste ihr Verhalten – obwohl viele von ihnen kurz zuvor eine Geschichte gelesen hatten, in der es um Mitgefühl und Altruismus ging.

Das Experiment zeigte eindrucksvoll: Ob wir hilfsbereit sind oder nicht, hängt vor allem von den äußeren Bedingungen ab. Stress und Hektik fördern den Egoismus und senken die Barmherzigkeit.

Hand aufs Herz: Hätten Sie angehalten?