Womöglich zahlt es sich für Gründer aus, mit wenig Schlaf auszukommen. John Stewart jedenfalls hat die Nacht zum Tag gemacht, während er in Stuttgart sein Unternehmen aufbaute – parallel zu zwei Jobs. Von fünf Uhr früh bis neun Uhr morgens stand er hinter der Theke eines Fast-Food-Lokals, wusch Salat, füllte Saucen nach und steckte Baguettes in den Ofen. Danach tauschte er Schürze gegen Anzug und beriet als Junior Consultant Kunden beim Pharmaunternehmen Celesio. Und als er abends gegen 19 Uhr nach Hause kam, arbeitete er an Fphresh, auch mal bis Mitternacht: einem Start-up, das Uhren mit austauschbaren Zifferblättern und Armbändern übers Netz vertreibt und für jede verkaufte Uhr eine Woche Schulunterricht an Kinder in Entwicklungsländern verschenkt.

"Es war eine verrückte Zeit", sagt John Stewart, wenn er sich in seiner Werkstatt an seine Anfänge als Unternehmer erinnert. In einem Regal stapeln sich Kartons mit Zifferblättern und Armbändern, auf einer Werkbank konzipiert Stewart neue Prototypen. Rund 200 Uhren zu je 50 Euro hat Fphresh bisher verkauft, seit sich Stewart im November in Vollzeit um sein junges Unternehmen kümmert. "Aber ohne meine beiden Jobs im Rücken", sagt der 27-jährige US-Amerikaner, "hätte ich Fphresh wohl nie gestartet."

Stelle plus Start-up – für Gründer wie John Stewart ist das ein Erfolgsrezept, das immer mehr Menschen in Deutschland ausprobieren. Sie gründen ein Unternehmen, ohne ihre Festanstellung aufzugeben und alles auf eine Karte zu setzen.

Wie die Staatsbank KfW Mitte Februar bekannt gab, machten sich im Jahr 2013 rund 562.000 Deutsche im Nebenerwerb selbstständig – fast doppelt so viele wie im Vollerwerb. Und während die Zahl der Vollzeitgründer seit 2011 kontinuierlich um fast 100.000 gesunken ist, ist die Zahl der Teilzeitunternehmer um ähnlich viele Teilzeitgründer angestiegen.

Damit haben sich die Nebenerwerbsgründer zum wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt: Laut Marco van Elkan vom Institut für Mittelstandsökonomie (Inmit) in Trier investieren sie jedes Jahr zwischen 2,3 und 3,3 Milliarden Euro und könnten in den kommenden zwei Jahren fast 300.000 Stellen schaffen.

Stelle plus Start-up

Zwar müssen Nebenerwerbsgründer im Schnitt 13 Stunden pro Woche zusätzlich arbeiten. Doch die Vorteile liegen auf der Hand: Sich finanziell absichern, die Sozialversicherungen nutzen, Türen offen halten – das sind für etwa zwei Drittel der Teilzeitgründer wichtige Motive, wie eine Studie des Inmit für das Bundeswirtschaftsministerium belegt. Motto: Wer im Nebenerwerb startet, riskiert weniger und fällt weicher, sollte er scheitern. "Vor allem für Frauen mit Familie ist das attraktiv", sagt van Elkan, der parallel zu seiner Forschung über Nebenerwerbsgründungen am Inmit selbst als Winzer mit eigenem Weingut tätig ist. Tatsächlich waren laut KfW Gründungsmonitor im Jahr 2012 rund 44 Prozent der Nebenerwerbsgründer weiblich – im Haupterwerb liegt der Frauenanteil dagegen nur bei 32 Prozent.

Gaby Lingath ist eine von ihnen. Als die Berlinerin vor gut 15 Jahren ins Online-Marketing einstieg, entschied sie sich bewusst gegen die Selbstständigkeit, weil sie als junge Mutter die Sicherheit einer Festanstellung schätzte. Mehrmals wechselte sie Job und Arbeitgeber. Und merkte, dass die Kompromisse beim Gehalt und ihrer Entscheidungsfreiheit immer größer wurden.

Also wechselte die Berlinerin 2009 auf eine Teilzeitstelle und gründete parallel und nach langem Zögern ihr eigenes Unternehmen: Link SEO, eine Agentur für Online-Marketing und Suchmaschinenoptimierung. "Der Teilzeitjob hat mir geholfen, Miete und Strom zu bezahlen", erzählt Lingath, "denn am Anfang habe ich mit dem eigenen Unternehmen wenig verdient."

Mit der Zeit lief das Geschäft mit der Agentur immer besser, und so trennte sich Lingath nach gut einem Jahr einvernehmlich von ihrem Arbeitgeber und konnte sich fortan komplett auf ihr eigenes Unternehmen konzentrieren. Dabei halfen ihr der Gründungszuschuss der Bundesagentur für Arbeit und die Berliner Gründerinnenzentrale. Inzwischen läuft Lingaths Agentur gut, und sie hat mehrere Angebote, sich wieder fest anstellen zu lassen, dankend abgelehnt. "Ich konnte mir zwar noch keinen Karibikurlaub leisten", sagt die Unternehmerin, "aber ich habe inzwischen viele Mittelständler und Kleinunternehmer als Kunden und verdiene heute mehr als in der Festanstellung."