ZEIT ONLINE: Sie sind als Headhunter auf Frauen spezialisiert. Stimmt es, dass es so wenige gut qualifizierte Frauen gibt?

Böhnke: Das stimmt so natürlich nicht. Derzeit ist die am besten ausgebildete Frauengeneration aller Zeiten auf dem Arbeitsmarkt. Natürlich ist die Nachfrage nach Spitzenführungsfrauen mit der Diskussion um die Quote gestiegen. Gleichzeitig hatte die Personalberatungsbranche das Thema aber auch völlig verschlafen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Böhnke: Jahrelang war innerhalb der Unternehmen kaum ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Vorteile von mixed leadership – also gemischten Teams – vorhanden, gelegentlich wurden gar explizit männliche Führungskräfte von den Personalberatungen verlangt. Und Headhunter gehen da natürlich den Weg des geringsten Widerstands. Da wurden dann auch nur wenig weibliche Kandidatinnen präsentiert. Die steigende Nachfrage hat die Branche nun regelrecht überfordert.

ZEIT ONLINE: Unterscheiden sich die Frauen in der Vermittlung von den Männern?

Böhnke: Auch hier gilt wieder: Man kann nicht alle Managerinnen über einen Kamm scheren, aber es lassen sich Tendenzen feststellen. Führungsfrauen bevorzugen ein angenehmes Betriebsklima. Bei den männlichen Kandidaten gibt es schon welche, die in auch in ein Unternehmen mit Konflikten wechseln – frei nach dem Motto: Augen zu und durch, Hauptsache, die Bezahlung stimmt. Frauen lehnen solche Angebote eher ab, weil sie nicht verheizt werden wollen.

ZEIT ONLINE: Welche Unterschiede gibt es noch?

Böhnke: Frauen sind leider oft weniger sichtbar als Männer. Viele Manager sind laut, wenn es darum geht, ihre Leistungen anzupreisen. Gerade als Headhunter hat man es mitunter auch mit Klienten zu, die sich teilweise auch überschätzen. Managerinnen hingegen neigen eher dazu, ihren eigenen Marktwert zu unterschätzen. Es gibt viele weibliche Führungskräfte, die erstaunliche Ergebnisse vorweisen können, aber diese nicht oder nicht ausreichend kommunizieren, meist nicht einmal ihrem Personalberater gegenüber, der sie ja immerhin vermitteln soll.

ZEIT ONLINE: Verkaufen sich die Frauen nicht gut genug?

Böhnke: Viele exzellente Managerinnen könnten jedenfalls mutiger und offensiver sein. Ich erlebe schon, dass hochqualifizierte Kandidatinnen sich Top-Positionen nicht auf Anhieb zutrauen und Zweifel haben.

ZEIT ONLINE: Müssten Frauen auch stärker netzwerken?

Böhnke: Informelle Netzwerke helfen beim Aufstieg. Und Frauen haben es immer noch schwerer, Zugang zu solchen Netzwerken zu finden. Informelles findet nach Feierabend statt, nach dem offiziellen Teil. Und Frauen haben dafür weniger Zeit. Weil sie ihre Freizeit mit ihrer Familie bringen – und tatsächlich auch, weil sie den Großteil der Hausarbeit verrichten. Studien zeigen, dass sogar Top-Managerinnen einen Teil ihrer Zeit mit Hausarbeit und Familienarbeit verbringen, während Manager hier sehr viel weniger Zeit investieren.

Viele meiner Mandantinnen leben in recht konservativen Rollenbildern. Sie haben Partner auf Augenhöhe oder Partner, die in der Hierarchie sogar noch über ihnen stehen. Solche Partner sind oft nicht bereit, für die Karriere ihrer Frau zurückzustecken; oder sie können es gar nicht, weil sie selbst eine Top-Position haben. Das macht viele Führungsfrauen auch weniger flexibel, wenn die Familie nicht mitziehen kann. Nicht umsonst bezeichnen Spitzenführungskräfte wie Sheryl Sandberg die Partnerwahl einer Frau als eine der wichtigsten Karriereentscheidungen. Deswegen ist es sinnvoll als Unternehmen bei Diversity-Maßnahmen auch double-career-Programme anzubieten, sodass auch der Partner ein attraktives Angebot bekommt.