"Crowdfunding wird den Journalismus nicht retten" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Heidtmann, Ihr Film Wenn beim Nachbarn Krieg ist ist in mehreren Sprachen kostenlos bei YouTube zu sehen. Wollen Sie mit Journalismus kein Geld verdienen?

Enno Heidtmann: (lacht) Doch, aber für meine Geschichten finde ich oft keine Abnehmer. Viele Redaktionen müssen sparen und können sich aufwendige Recherchen nicht mehr leisten. Für einen Film über den Syrienkonflikt etwa sind mehrere Reisen in das Land nötig. Das ist gefährlich. Man muss vor Ort über hervorragende Kontakte verfügen. Man braucht Stringer und Dolmetscher. Als freier Journalist finanziert man das in der Regel erst einmal vor. Und wenn man am Ende die Geschichte nicht verkaufen kann, bleibt man auf den Kosten sitzen.

ZEIT ONLINE: Sie haben stattdessen nach Spendern gesucht.

Heidtmann: Bislang habe ich für drei größere Filmprojekte Crowdfunding-Plattformen genutzt und damit gute Erfahrungen gemacht. Mit dem gesammelten Geld konnte ich zumindest einen Teil der Recherche- und Reisekosten finanzieren.

ZEIT ONLINE: Wie muss man sich das vorstellen?

Heidtmann: Bei meinem ersten Projekt habe ich es über die Crowdfunding-Plattform Startnext.de probiert. Ich wollte in den Libanon reisen, um über die Auswirkungen des Syrienkonflikts zu schreiben. Dafür brauchte ich 700 Euro – eingesammelt habe ich am Ende 755 Euro. So konnte ich zumindest den Flug und das Hotel finanzieren. Ganz ähnlich ging es auch beim zweiten Mal, diesmal über die Plattform Krautreporter, die vor allem für journalistische Projekt gegründet wurde. 850 Euro wollte ich haben, 940 Euro kamen in wenigen Tagen zusammen.

ZEIT ONLINE: Wer spendet und wie viel?

Heidtmann: Jeder darf und kann so viel Geld spenden, wie er möchte. Viele geben kleine Beträge, mal fünf Euro, mal zehn Euro, mal 20 Euro. Generell gilt: Kommt die gewünschte Summe nicht zustande, bekommt man auch kein Geld ausgeschüttet. Das Projekt wird nur realisiert, wenn auch die geforderte Summe gespendet wird. Bei Krautreporter sind viele Journalisten unter den Spendern, viele sind selbst Freie. Es ist zwar schön zu sehen, dass sich Kollegen solidarisch zeigen, aber das Kernproblem wird so nicht gelöst. Außerdem erhöht es den Druck, selbst für das nächste Projekt eines Kollegen zu spenden.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie nicht Angst, dass Kollegen Ihr Thema stehlen?

Heidtmann: Da bin ich entspannt. Die Allermeisten haben weder mein Know-how noch meine Kontakte in den entsprechenden Ländern. Außerdem präsentiert man sein Projekt auf den Plattformen ja so, dass es zwar bei den potenziellen Spendern Interesse weckt, aber die Idee nicht geklaut werden kann.

ZEIT ONLINE: Eine Redaktion lässt eine teure Auslandsrecherche durch Spenden bezahlen und kommt so billig an einen Film und verdient daran?

Heidtmann: Ich hätte meinen Film ja später sowieso an Redaktionen verkauft. Aber in meinem Fall ist es dazu gar nicht gekommen. Die Redaktion hatte eine Bedingung: Sie wollten den Film nur senden, wenn die USA sich militärisch in den Syrienkrieg eingemischt hätten. Das ist aber nicht passiert. 

ZEIT ONLINE: Stattdessen haben Sie den Film Wenn beim Nachbarn Krieg ist gemacht. Worum geht es da?

Heidtmann: Es ist keine tagesaktuelle Dokumentation, keine Kriegsreportage, die auf Sensationen setzt. Sondern eine Hintergrunddokumentation, die erklärt, wie stark der Libanon vom Krieg in Syrien betroffen ist und wie die gut zwei Millionen Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland im Libanon leben. Ich habe mich an der Grenze zu Syrien aufgehalten, Flüchtlingscamps besucht, mit den Bewohnern und den Libanesen gesprochen. Es ist eine Momentaufnahme über die Auswirkungen dieses furchtbaren Kriegs. So ein Stück ist nicht sehr gefragt.

"Es ist eine Frage der Haltung"

ZEIT ONLINE: Und weil Sie keine Redaktion gefunden haben, stellen Sie Ihren Film nun auf YouTube?

Heidtmann: Die Öffentlichkeit hat sich an den Recherchen mit Spenden beteiligt. Viele Menschen haben mir Geld dafür gegeben, weil sie sich genau für dieses Thema interessieren und auf das Ergebnis gespannt sind. Darum habe ich mich entschieden, den Film in mehreren Sprachen zu übersetzen und im Netz kostenlos zu veröffentlichen. Auf Deutsch und auf Spanisch ist er bereits zu sehen. Englisch, Französisch und Türkisch sollen folgen. Ich suche derzeit noch Übersetzer und Sprecher für Arabisch und andere Sprachen. Wer das Projekt unterstützen möchte, kann sich bei mir melden.

ZEIT ONLINE: Was bekommen die Spender noch als Gegenleistung?

Heitdtmann: Ich schreibe allen Spendern eine Postkarte aus dem Land, das ich gerade für meine Recherche bereise. Und ich informiere sie über den Fortgang der Recherchen in meinem Blog. Die Spender können damit die Entstehung der Geschichten mitverfolgen. Diese symbolischen Gegenleistungen sind Teil aller Crowdfunding-Plattformen, denn ansonsten müsste man die Spendeneinnahmen versteuern, was wiederum die Realisierung der Projekte gefährden würde.

ZEIT ONLINE: Warum wurden Sie Krisen- und Kriegsberichterstatter?

Heidtmann: Ich war 14 Jahre lang Soldat bei der Bundeswehr und kenne mich in Krisen- und Kriegsgebieten in Asien, Afrika und dem Nahen Osten relativ gut aus. Ich kann Sicherheitslagen einschätzen, das ist ein großer Vorteil. Journalist zu werden, war immer mein Traum – und so studierte ich nach meinem Ausstieg bei der Bundeswehr mit Mitte 30 noch einmal Journalismus. Heute kehre ich in die Länder als Journalist zurück, die ich in meinen Auslandseinsätzen als Soldat kennengelernt habe.

ZEIT ONLINE: Leben können Sie davon nicht.

Heidtmann: Es kommt auf die Mischung an. Die wenigsten freien Journalisten können heute noch allein vom Journalismus leben. Ich arbeite nebenbei noch in einer Autovermietung und als Fotograf. Aber es ist eben auch eine Frage der Haltung: Ich möchte den Menschen die Konflikte im Nahen Osten näherbringen und unabhängigen Journalismus machen – notfalls eben mithilfe von Spenden und über YouTube. Da bin ich Überzeugungstäter.

ZEIT ONLINE: Wird Crowdfunding den Qualitätsjournalismus retten?

Heidtmann: Das glaube ich nicht. Es ist eine mögliche Form der Gegenfinanzierung. Aber ohne Auftraggeber, die für ihre Journalisten einstehen – also hauptberuflich tätige, unabhängige und wirtschaftlich robuste Medienhäuser – wird es auf Dauer nicht gehen.