Diesen Sommer steht ja wieder die Fußball-WM an. Gibt es einen Arbeitsrecht-Knigge, an den ich mich als Vorgesetzter halten kann beziehungsweise muss?, fragt Mario Parcona.

Sehr geehrter Herr Parcona,

zu jeder Weltmeisterschaft fragen sich viele Mitarbeiter, ob sie während ihrer Arbeitszeit die Spiele schauen können, Alkohol trinken dürfen oder ob ihr Urlaubswunsch verweigert werden kann. Die meisten Arbeitgeber stehen vor dem Problem, das alles zuzulassen oder rigoros abzulehnen.

Ich als Fachanwalt für Arbeitsrecht kann Ihnen nicht die Entscheidung abnehmen, wie Sie bezüglich Ihrer Mitarbeiterwünsche handeln sollten. Ich kann Sie lediglich über Ihre Rechte und Pflichten aufklären.

Spiele während der Arbeitszeit verfolgen

Die Spiele neben der Arbeit zu verfolgen, ist bei den wenigsten Tätigkeiten möglich. Deshalb ist es wenig sinnvoll, den Mitarbeitern das Schauen der Spiele nebenbei zu erlauben. Die meisten Unternehmen organisieren daher im Betrieb das gemeinsame Verfolgen der Spiele, beschränken sich dabei allerdings häufig auf die Spiele der deutschen Mannschaft.

Gleiches gilt für das Verfolgen via Radio. Zwar ist es Mitarbeitern gestattet, an ihrem Arbeitsplatz Radio zu hören – aber nur, wenn ihre Tätigkeit dabei nicht beeinträchtigt wird.

Wer alle Spiele verfolgen möchte, sollte daher Urlaub beantragen. Denn Arbeitgeber können Mitarbeitern nicht das ausschließliche Recht zum Verfolgen der Spiele geben, wenn dabei die Arbeitsleistung nicht gewährleistet ist. Und gibt es in Ihrem Unternehmen einen Betriebsrat, müssen Sie diesen bei all Ihren Entscheidung einbeziehen.

Arbeitszeitversäumnisse ahnden

Arbeitgeber können und sollten reagieren, wenn Mitarbeiter vorzeitig ihren Arbeitsplatz ohne Erlaubnis verlassen, um Spiele verfolgen zu können, regelmäßig zu spät zur Arbeit erscheinen, weil Spiele bis spät in die Nacht laufen oder ihre Pausen überschreiten, weil Spiele andauern. Dann können Arbeitgeber im Regelfall eine Abmahnung aussprechen. Wer es nicht für nötig erachtet, am Arbeitsplatz zu erscheinen und sich nicht entschuldigt, muss mit seiner Kündigung rechnen.

Urlaubswünsche von Mitarbeitern

Ob Weltmeisterschaft oder nicht, es gelten grundsätzlich die normalen Urlaubsregelungen. Das heißt, möchte ein Mitarbeiter während der WM Urlaub machen, haben Sie als Arbeitgeber diesen Wunsch zu berücksichtigen. Ablehnen können Sie den Urlaub, wenn dringende betriebliche Belange (Stichwort: Auftragslage, hoher Krankenstand et cetera) oder die Urlaubswünsche anderer Mitarbeiter (Stichwort: soziale Gesichtspunkte) dagegen sprechen. Wer unerlaubt in Urlaub geht, muss mit einer Abmahnung oder gar Kündigung rechnen.

Alkohol während der Spiele oder der Arbeitszeit

Für viele gehört ein Bier zum Fußball gucken dazu. Am Arbeitsplatz ist Alkoholkonsum allerdings nicht angebracht. Denn kommt es aufgrund des Alkoholkonsums zum Arbeitsunfall, haften Sie als Arbeitgeber. Daher sind Sie gut beraten, wenn Sie generell den Alkoholkonsum am Arbeitsplatz verbieten. Hält sich ein Mitarbeiter nicht an Ihr Verbot, können Sie eine Abmahnung aussprechen.

Auseinandersetzungen zwischen Mitarbeitern

Auch ohne Alkohol können die Emotionen bei solchen Spiele überkochen. Kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Mitarbeitern, sollten Sie unverzüglich reagieren: Rufen Sie die Streitenden zur Besonnenheit auf und mahnen Sie beim Ignorieren Ihrer Anweisungen Konsequenzen an. Arbeitsrechtlich müssen Sie sogar einschreiten, wenn ein Mitarbeiter in irgendeiner Form bedroht wird. Sie können bei Beleidigungen Abmahnungen und bei Handgreiflichkeiten Kündigungen aussprechen.

Trikots, Fahnen, Sticker

Arbeitsrechtlich gilt: Behindern ein Trikot, eine Schirmmütze oder ähnliches Mitarbeiter nicht bei ihrer Arbeit, dürfen und sollten Arbeitgeber diese nicht verbieten. Beeinträchtigten sie jedoch die betrieblichen Interessen eines Unternehmens (zum Beispiel, wenn Mitarbeiter Kundenkontakt haben), kann das Tragen von Fan-Kleidung und -Accessoires verboten werden.

Existiert im Unternehmen für Mitarbeiter ein Dresscode (das Tragen einheitlicher Kleidung), müssen Mitarbeiter sich auch in WM-Zeiten daran halten. Das heißt, Arbeitgebern liegt hier nach § 106 Gewerbeordnung (GewO) ein Direktionsrecht vor – Fan-Kleidung kann tabu sein.

Krank und trotzdem zum Public Viewing

Ist ein Mitarbeiter krankgeschrieben, darf er im Zweifel dennoch am Public Viewing teilnehmen. Denn bei einer Arbeitsunfähigkeit dürfen Mitarbeiter nichts unternehmen, was ihre Heilungschancen verschlechtert. Das heißt, wer zum Beispiel mit einem Armbruch krankgeschrieben ist, kann dennoch beim Public Viewing sein, da es seine Genesung nicht behindert.

Ich rate Arbeitgebern zu Zeiten von Fußball-Weltmeisterschaften immer, flexibel zu sein und im Einzelfall zu entscheiden. Einerseits findet dieses Ereignis nur alle vier Jahre statt. Andererseits motiviert es die Belegschaft, wenn Unternehmen in solchen Zeiten alle Fünfe gerade sein lassen. Das heißt, wenn möglich, sollten Arbeitgeber ihre Mitarbeiter so weit wie möglich unterstützen, dass sie der WM folgen können.

Ihr Ulf Weigelt