ZEIT ONLINE: Herr Körner, Sie haben das gemacht, wovon viele Arbeitnehmer träumen: Sie sind nach ihrem Studium zwei Jahre auf die Walz gegangen und haben die Welt bereist. Warum?

Sixtus Körner: Seit einem Backpacker-Urlaub während meines Studiums war der Gedanke an eine Weltreise in meinem Kopf. Ich bin allerdings nicht sofort nach dem Studium los, sondern habe zunächst anderthalb Jahre gearbeitet. Dabei habe ich ganz deutlich gemerkt, dass ich nicht in einem festen 9-to-5-Job arbeiten möchte. Denn ich konnte mich nicht so weiterentwickeln, wie ich wollte. Und so traf ich die Entscheidung, als Designer auf die Walz zu gehen. Ich habe kurzerhand mein Auto verkauft, meine Wohnung gekündigt und bin in ein acht Quadratmeter kleines Dachgeschosszimmer gezogen. So hatte ich innerhalb weniger Monate das Geld für ein Ticket nach Shanghai zusammen. Mehr allerdings nicht. Mein Plan war, mich von Job zu Job zu hangeln.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht ein wenig leichtsinnig? Was haben Sie denn in Shanghai gemacht?

Körner: Ich hatte eine Einladung zum Vorstellungsgespräch in Shanghai. Wäre das nichts geworden, hätte ich mich vor Ort umschauen müssen. Ich war schon in Asien gewesen und hatte die Menschen als sehr gastfreundlich in Erinnerung. Ich habe das nicht als leichtsinnig empfunden. "Auf der Straße landen werde ich nicht", habe ich gedacht. Das Verlangen, zu reisen, war einfach größer als meine Angst. 

ZEIT ONLINE: Sie haben alle ein, zwei Monate den Ort gewechselt und damit auch den Job. Sind Ihnen besondere berufliche Herausforderungen in Erinnerung?

Körner: Jede Menge sogar. Ich hatte immer eine Auswahl zwischen den Jobs – und ich habe bei jeder Station etwas gelernt. In der Regel war ich aber in der Kreativbranche tätig. Designer ist ein vielfältiger Beruf, mit dem man auf der ganzen Welt eine Tätigkeit findet. In Kuala Lumpur etwa war ich als internationaler Botschafter für die Kuala Lumpur Design Week tätig. Meine Arbeit bestand darin, bei Terminen Menschen die Hand zu schütteln. Das war eine kulturelle Herausforderung. Ich habe viel über die Knigge-Regeln in anderen Ländern erfahren. Auch in Malaysia war es interessant: Da darf bei Verhandlungen, auch über große Summen, der Humor nicht zu kurz kommen. Dass in Asien viel gelächelt wird, empfinden wir Deutsche ja oft als angenehm, dass es aber  ganz viele Nuancen hat und auch etwas Negatives bedeuten kann, das habe ich erst während meiner Walz in Malaysia gelernt.

ZEIT ONLINE: Zwei Jahre haben Sie weitgehend ohne Geld gelebt, nur für Kost und Logis gearbeitet. Ein Wirtschaftsmodell, das Sie empfehlen können oder waren Sie froh, wieder in die deutsche Marktwirtschaft zurückzukehren?

Körner: Ich kann zumindest jedem empfehlen, die Erfahrung einmal zu machen. Es bringt Erkenntnisse, die man im normalen Beruf nicht sammeln kann. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass Geld im kreativen Bereich eher störend wirkt, weil man nur noch auf das Ziel Bezahlung hinarbeitet.

ZEIT ONLINE: Sie haben ohne Bezahlung bessere Arbeit geleistet?

Körner: Das würde ich so sagen, ja.

ZEIT ONLINE: Wie leicht konnten Sie sich daran gewöhnen, kein Geld zu haben? Ist Ihnen der soziale Anschluss unter den Umständen schwer gefallen?

Körner: Die finanziellen Einschränkungen haben mich nicht belastet, weil ich es so wollte. Wenn ich meinen Job verliere und plötzlich auf Sozialleistungen angewiesen bin, ist das mit Sicherheit etwas anderes. Ich habe mir angewöhnt, Leuten zu sagen, dass sie mich einladen müssen, wenn sie wollen, dass ich auf einen Drink mitkomme. Die meisten haben das von sich aus gemacht. Aber es gab Momente, in denen ich allein zu Hause geblieben bin, weil ich mir etwas nicht leisten konnte. Wo ich für Kost und Logis gearbeitet habe, haben mich die Menschen immer gut aufgenommen, oft sogar wie einen eigenes Familienmitglied. 

ZEIT ONLINE: Waren Sie in den zwei Jahren Walz nie einsam?

Körner: Doch – während des Ramadan in Ägypten saß ich allein in einem Vorort von Alexandria fest. Mein Arbeitgeber hatte allen für die letzten zehn Tage des Ramadan Urlaub gegeben. Mein Mitbewohner war nach Europa gereist. Die Stadt war menschenleer. Der Ruf des Muezzin war mein einziger menschlicher Kontakt. Ich habe mich mit streunenden Hunden und Katzen angefreundet, aber mit jedem Tag wurde es anstrengender. Da habe ich gemerkt, wie wichtig sozialer Kontakt ist, auch wenn ich sonst eher ein ruhiger Typ bin, der nicht immer sofort auf andere zugeht. 

ZEIT ONLINE: Hat Sie Ihre Zeit auf der Walz verändert? 

Körner: Definitiv. Mein Blick auf Deutschland ist ein anderer geworden. So finde ich die Konsumorientierung hierzulande gar nicht so stark ausgeprägt wie etwa in Asien. Wir streben hierzulande stark nach Sicherheit – aber auch die Karriere spielt eine ganz andere Rolle hier. Die Deutschen sind schon stark darauf fokussiert. Das nervt mich bisweilen, dass Arbeit unsere gesellschaftliche Stellung definiert. Aber ich habe ja die Möglichkeit zur freien Wahl. Das ist beispielsweise in China anders. Die jungen Leute da können meiner Beobachtung nach nicht so frei wählen wir die Berufseinsteiger hier. Denn sie haben Verpflichtungen ihrer Familie gegenüber.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihre Walz von Anfang an in einem Blog veröffentlicht, aus dem mittlerweile das Buch Journeyman - 1 Mann, 5 Kontinente und jede Menge Jobs entstanden ist. Hatten Sie damit gerechnet, dass die Walz zum Karrierebooster für Sie selbst werden würde?

Körner: Es gehörte zu den Regeln der Walz, dass der Wandergeselle ein Tagebuch führte, das vom Bürgermeister bei jeder Station abgestempelt wurde, als Beweis, dass er da war. Daher war es für mich klar, dass ich mein Tagebuch auch öffentlich und online führe. Ich hatte mich im Vorfeld kurz bemüht, über mein Blog Sponsoren für meine Reise zu gewinnen, habe es dann aber schnell verworfen, weil mir klar geworden ist, dass es mit der Idee der Walz nicht zusammenpasst. Natürlich wollte ich, dass darüber berichtet wird, weil ich mir weitere Chancen erhofft habe. Die Buchveröffentlichung war nicht geplant, aber es ist natürlich toll, dass der Verlag auf mich zugekommen ist.

ZEIT ONLINE: Würden Sie Absolventen die Idee der Walz empfehlen?

Körner: Das würde ich. Es ist ähnlich wie beim Studium. Das meiste lernt man später in der Praxis, aber im Studium bekommt man etwas mit, das man später nicht mehr erfährt, zum Beispiel Kunstgeschichte im Designstudium. Das hat eine gewisse Wichtigkeit und genauso ist es eine Horizonterweiterung, zu sehen, wie andere Kulturen mit dem eigenen Beruf umgehen, gerade jetzt, wo man immer globalisierter arbeitet. Es kann helfen, zu verstehen, wo es bei Projekten vielleicht allein aus kulturellen Gründen hakt.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie zurückgekommen?

Körner: Ich habe festgestellt, dass ich nirgendwo auf Dauer bleiben kann und da ist es für mich perfekt, eine Basis zu haben, von der aus ich immer wieder reise. Deutschland bietet sich für mich dafür an, weil ich hier Familie und Freunde habe. Ich war auch die letzten eineinhalb Jahre nicht oft hier, die größten Teile des Buchs sind in Simbabwe und Indonesien entstanden.

ZEIT ONLINE: Was vermissen Sie, wenn Sie nicht in Deutschland sind?

Körner: Abgesehen von den Sachen, die man aus der Kindheit kennt und unterwegs vermisst, wie Brot und Apfelschorle, genieße ich es sehr, dass ich in jeder Stadt, selbst in Berlin, überall hingehen kann und auch nachts keine Angst haben muss, dass ich ausgeraubt werde. In fast allen Ländern, in denen ich war, war es deutlich gefährlicher. Dieses Gefühl der Sicherheit, das ich hier in Deutschland habe, ist schon ein Luxus.