ZEIT ONLINE: Wer immer Ja sagt, hat am Ende mehr Arbeit, mehr Verantwortung, mehr Belastung. Warum fällt es uns so schwer, Nein zu sagen, Frau Becker?

Linda Becker: Die Gründe, die jemanden davon abhalten, Nein zu sagen, können vielfältig sein. Der eine befürchtet, egoistisch zu wirken, der andere hat Angst vor Verlust oder auch davor, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Auch sind nicht wenige in dem Glauben erzogen worden, dass ein Nein schnell unhöflich wirken kann.

Meiner Meinung nach kann man Menschen in drei Kategorien einteilen: die notorischen Nein-Sager, die notorischen Ja-Sager und die, die abwägen können. Die notorischen Ja-Sager können meist viel aufnehmen, sich gut in andere hineinversetzen und deren Bedürfnisse erkennen – um am Ende dann zu viel Arbeit auf dem Tisch zu haben.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn wir immer Ja sagen?

Becker: Wer stets und ständig Ja sagt, überschreitet seine Grenzen. Einerseits ist diese Belastung auf Dauer zu viel, andererseits kann auch fehlendes Know-how eine zufriedenstellende Umsetzung verhindern. Denn es geht ja nicht nur darum, dass eine Aufgabe erledigt werden soll, sondern auch darum, dass sie erfolgreich erledigt wird. Nicht immer verfügt das "fleißige Bienchen" aber über entsprechende Kenntnisse.

Wer aus diesem Teufelskreis raus möchte, sollte zunächst selbst analysieren, in welche Ja-Sager-Fallen er tappt. Denn meist laufen diese Situationen immer gleich ab.

ZEIT ONLINE: Welche klassischen Ja-Sager-Fallen gibt es?

Becker: Ein Chef, der nach dem Schema, "Ich brauche hier unbedingt Deine Hilfe, sonst schaffe ich es nicht" agiert, hofft, dass dieser Mitarbeiter in die "Hilflosigkeitsfalle" tappt. Wickelt er seinen Mitarbeiter mit Komplimenten um den Finger, setzt er die "Schmeichelfalle" ein. Und geht er noch einen Schritt weiter und versucht seinen Mitarbeiter mit Äußerungen wie "Was würde ich nur ohne Dich machen?" zu umgarnen, hofft er auf das Tappen in die "Unentbehrlichkeitsfalle". Übrigens sind dies oft auch Fallstricke für Führungskräfte, die deren Mitarbeiter ebenso gerne anwenden. Und ehe sich der Vorgesetzte versieht, hat er – statt die Aufgabe zu delegieren – selbst die Arbeit wieder auf dem Tisch.

ZEIT ONLINE: Liegt zu viel Arbeit an, haben Betroffene meist aber nicht wirklich die Wahl, Nein zu sagen. Welche Strategie ist hier sinnvoll?

Becker: Erfolgreich Nein sagen braucht Mut und hat immer auch etwas mit der inneren Einstellung zu tun. Dafür ist es unabdingbar, sich selbst und die Situation realistisch einschätzen sowie seine Haltung mit guten Argumenten belegen zu können.

Auf keinen Fall sollten Betroffene emotional reagieren und mit Äußerungen wie "Wieso ICH schon wieder?" kontern. Viel wichtiger ist, seine stichhaltigen Argumente selbstbewusst vorzutragen sowie in der Sprache des Gesprächspartners zu antworten. Wer lösungsorientiert kommuniziert und Alternativen anbietet, muss nicht Ja sagen. Und wer Zeit zum Nachdenken braucht, Informationen einholen oder nach anderen Experten recherchieren möchte, sollte das auch einfordern.

ZEIT ONLINE: Wie werfe ich Schuldgefühle über Bord, wenn Kollegen oder der Chef mir das Gefühl vermitteln, mein Nein sei egoistisch?

Becker: Vom schlechten Gewissen muss man sich schon aus Selbstschutz verabschieden. Vorausgesetzt, die Arbeitsverteilung ist generell ausgewogen und es liegt kein Notfall vor.

Wer immer Ja sagt, sollte sich bewusst machen, dass er im Zweifel weniger Zeit für seine eigenen Themen hat. Wichtig ist, hier nicht in die Rechtfertigungsfalle zu tappen, sondern sein Nein plausibel begründen zu können. Auch sollten Betroffene sich immer wieder vor Augen halten, dass das Nein der Sache gilt und nicht der Person, der man eine Abfuhr erteilt.