Exakt 2,86 Gramm Tee, aufgebrüht mit 110 Millilitern kochenden Wassers und genau fünf Minuten Ziehzeit: Diese Kriterien müssen erfüllt werden, damit Steffen Schmucker eine Tasse Tee überhaupt zum Munde führt. Was nach der Marotte eines exzentrischen Teeliebhabers klingt, hat  seine Berechtigung, denn Schmucker arbeitet als Tea Taster in einem Hamburger Teehandelsunternehmen. Täglich probiert und beurteilt er bis zu 400 Tassen Tee.

"Der Tee muss nach einer bestimmten Normvorgabe zubereitet werden, damit die Vergleichssituation immer dieselbe ist", sagt Schmucker. Ähnlich wie ein Kaffeetester trinkt Schmucker den Tee nicht, sondern schlürft ihn kurz und spuckt dann wieder aus. Durch das Schlürfen und das zusätzliche Aufsaugen von Sauerstoff werden die Geschmacksknospen auf der Zunge angeregt.

Tee probieren, wieder ausspucken und anschließend beurteilen, wie das Getränk schmeckt – das ist nicht leicht. "Durch die bestimmte Zubereitungsnorm, die etwa dem zwei- bis vierfachen der üblichen Konsumentenstärke entspricht, schmeckt der Tee in der Anfangszeit zunächst nur bitter. Da schmeckt man noch keinen Unterschied", sagt Schmucker.

Es könne bis zu sieben Jahre dauern, bis Teetester die feinen Unterschiede herausschmecken und einen Tee sicher beurteilen könnten. Wichtig bei der Verkostung: Eigene Geschmacksvorlieben müssen hinten anstehen. Für Tea Taster gibt es einen Kriterienkatalog, den Fragen wie diese bestimmen: Welche Merkmale muss ein Tee haben? Wie muss ein bestimmter Tee aus einer bestimmten Region und einer bestimmten Ernteperiode schmecken?

"Tee ist ein Naturprodukt und kann in der Qualität variieren. Handel und Konsument erwarten jedoch eine gleichbleibende Qualität. Es ist auch unsere  Aufgabe, das zu gewährleisten", sagt Schmucker. Aufgrund ihres Wissens sind Teetester häufig für den Teeeinkauf verantwortlich. Reisen in die klassischen Teeanbaugebiete Indien, China und Japan, Sri Lanka, Indonesien, Vietnam und Kenia sind keine Seltenheit.

Auch sind die Teeverkoster an der Entwicklung neuer Teesorten beteiligt. "Nur Tea Taster sind in der Lage, die feinen Geschmacksunterschiede herauszuschmecken, daher sind wir oft in die Entwicklung neuer Produkte involviert", sagt Schmucker.

Knapp 100 Teetester in Deutschland

Der Beruf ist nicht geschützt. Eine Ausbildung im klassischen Sinne wird nicht angeboten. Schmucker selbst ist über eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann in einem großen Teehandelshaus in Hamburg in den Beruf gekommen. Für die betriebsinterne Weiterbildung wird einem Teetester in spe ein erfahrener Tea Taster zur Seite gestellt. Durch learning by doing wird das erforderliche Wissen vermittelt. "Man braucht das Know-How erfahrener Kollegen als Basis für die eigene Beurteilungen. Trotz der Objektivität gegenüber dem Produkt ist aber auch die eigene Meinung gefragt", sagt Schmucker.

Die persönliche Liebe zum Produkt sowie Eigeninitiative sind wichtig, um ein guter Tea Taster zu werden. Außerdem wird ein ausgeprägter Geschmacks- und Geruchssinn für die Arbeit benötigt. Auch wichtig: viel Geduld. "Man entwickelt mit den Jahren und zunehmender Erfahrung einen geschulten Geschmacks- und Geruchssinn", sagt Schmucker.

Schattenseiten hat der Teetester an seinem Beruf bisher nicht entdecken können. Allerdings sei der Einstieg nicht einfach. Weil der Beruf so speziell ist, gibt es nur wenige Jobs. Bundesweit, schätzt Schmucker, gebe es weniger als hundert Tea Taster in den Teehandelshäusern.

Von den mäßigen Berufschancen abgesehen hat der Beruf für Schmucker nur positiven Seiten. "Es wird nie langweilig. Ich kann den Tee anfassen, sehen, riechen und probieren. Außerdem bin ich viel in der Welt unterwegs und sehe und erlebe immer wieder aufs Neue außergewöhnliche Dinge. Eine Nacht im Gästehaus einer Teeplantage in Indien zu verbringen – das ist etwas Besonderes."

  • Gehalt: variiert, abhängig vom Erfahrungsschatz und vom Arbeitgeber
  • Arbeitszeit: etwa 40 Stunden pro Woche
  • Ausbildung: oft kaufmännische Ausbildung in einem Teehandelshaus als Basis für weitere, nicht staatlich geregelte betriebsinterne Ausbildung zum Tea Taster