Was bei den meisten Hundebesitzern verboten ist, ist bei Judith Böhnke erlaubt. Bei ihr dürfen Hunde auf die Couch – auch im übertragenen Sinne. Böhnke arbeitet als Tierpsychologin und gibt Tierhaltern Tipps im Umgang mit verhaltensauffälligen Tieren.

"Der Fachbereich des Tierpsychologen ist die Verhaltensbiologie, also die Beschäftigung mit dem Denken und Fühlen des Tieres und seiner Eigenwahrnehmung. Wir versuchen herauszufinden, warum ein Tier tut, was es tut", sagt Böhnke.

Neu ist der Job keineswegs. Bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts versuchten Forscher wie etwa Konrad Lorenz, Niko Tinbergen und Otto Köhler das innere Erleben von Tieren zu analysieren. Tierpsychologen benötigen ein umfassendes Wissen über Tiere und deren Verhalten und die jeweilige Spezies, mit der sie sich beschäftigen wollen. Wie lernen sie? Welche chemischen, physiologischen, neuroethologischen, psychischen und sozialen Ursachen liegen Verhalten zugrunde? Wie entwickelt sich Verhalten, welchen Einfluss haben innere Faktoren und Umwelteinflüsse und was nützt ein Verhalten dem jeweiligen Tier überhaupt? Und warum hat die Evolution zu genau diesem Verhalten geführt und nicht zu einem anderen?

"Jede Tierart bringt ihre ganz eigenen Besonderheiten mit. Darüber hinaus ist jedes Tier ein Individuum", sagt Böhnke. Das müsse man bei der Arbeit immer berücksichtigen. Erst wenn ein Tierpsychologe weiß, wie sich ein bestimmtes Tier normalerweise verhält, kann er auch Abweichungen vom Normalverhalten erkennen und einordnen.

Wenn der Kater das Katzenklo plötzlich ablehnt

Wenn die Katze etwa plötzlich unsauber ist, der Hund das neue Baby ablehnt oder ein Pferd plötzlich nicht mehr in seinen Anhänger gehen will, ist es Aufgabe des Tierpsychologen, die Gründe für das veränderte Verhalten herauszufinden, die Halter darüber aufzuklären und gemeinsam mit ihnen Strategien zu entwickeln, die Abhilfe schaffen. Häufig arbeiten die Psychologen auch eng mit Tierärzten und Tiertrainern zusammen.

Ruft ein Halter den Tierpsychologen um Hilfe, findet häufig ein erster Termin in der gewohnten Umgebung des Tieres statt, wo Böhnke erst einmal nur das Verhalten beobachtet, um eine präzise Anamnese sicherzustellen. Mitunter muss zuvor tierärztlich abgeklärt werden, dass ein Verhaltensproblem keine medizinischen Ursachen hat. Im Fokus steht jedoch nicht das Tier allein: Die Psychologin schaut sich auch die Beziehung an, die zwischen Halter und Vierbeiner besteht. "Lösungsstrategien müssen stets ganz individuell erarbeitet werden", sagt Böhnke. Dabei steht die respektvolle und vor allem gewaltfreie Arbeit mit den Tieren an oberster Stelle. "Ein guter Tierpsychologe weiß, dass er nur mit dem Tier und seinen Bedürfnisse arbeiten kann, nicht gegen sie", sagt die Psychologin.

In der Regel arbeiten Tierpsychologen auf selbstständiger Basis, viele nebenberuflich, einige in Vollzeit. Neben Geduld, Spaß im Umgang mit Menschen und vor allem den Tieren braucht es jede Menge kommunikative Fähigkeiten für ihre Arbeit mitbringen. 

Der Beruf ist weder staatlich anerkannt noch staatlich geregelt. Auch die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Einige private Institutionen bieten Ausbildungen in Tierpsychologie an, die in der Ausbildungsstruktur einem Studium ähnlich sind. Eine gute Ausbildung erkennt man daran, dass neben den prinzipiellen biologischen Grundlagen von Verhalten auch Lerntheorien vermittelt werden sowie die Ethologie der jeweiligen Tierart, mit der man sich speziell beschäftigen möchte. Dazu stehen unter anderem Domestikation und Ausdrucksverhalten,  Mensch-Tier-Beziehung, Rassetypen, Stressmanagement sowie Haltung und Ernährung auf dem Lehrplan. Wichtig ist außerdem, dass die angehenden Tierflüsterer auch Grundlagen aus dem  Tiertraining und der Verhaltenstherapie kennenlernen.

Die Qualität der angebotenen Ausbildungen im deutschsprachigen Raum variiert stark. "Tierpsychologie ist eine Wissenschaft, wird aber vielfach unterschätzt. Das macht es vielen Haltern nicht leicht, gute Psychologen als solche zu erkennen", sagt Böhnke. Auch die Mitgliedschaft in einem großen Berufsverband gibt Hinweise auf die Qualifikation, denn häufig ist das Bestehen einer Prüfung Voraussetzung für eine Mitgliedschaft.

Schattenseiten hat Böhnke an ihrer Arbeit als Tierpsychologin bisher nur wenige feststellen können. Als belastend empfindet sie Fälle, in denen sie mit Tierquälerei konfrontiert wird. Das komme aber vergleichsweise selten vor und so überwiegen die positiven Seiten ihrer Arbeit. "Tierpsychologie führt Sie direkt ins Herz und in die Seele des Tieres – das ist ungeheuer faszinierend. Der Job ermöglicht es, Tier und Mensch gleichermaßen zu helfen und dabei viel Gutes zu bewirken."

  • Gehalt: variiert, abhängig vom Umfang der Berufsausübung zwischen 1.000 und 4.000 Euro brutto monatlich;
  • Arbeitszeit: variiert, abhängig vom zeitlichen Umfang der Beschäftigung;
  • Ausbildung: keine Ausbildung vorgeschrieben, eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung ist dennoch sinnvoll.