In Bewerbungsgesprächen erntet Kilian Hofer (Name geändert) häufig erstaunte Blicke. Der ehemalige Hauptschüler schließt gerade sein Informatikstudium an der Universität in Tübingen mit einem Master ab. Seine Abschlussarbeit schreibt er auf Englisch. Ein Angebot für eine Promotion hat der 26-Jährige gerade abgelehnt, weil er elf Jahre nach seinem ersten Schulabschluss eine Lernpause einlegen möchte. Dass er es so weit bringen würde, hätte er als Jugendlicher nicht gedacht. "Ich bin als Legastheniker auf die Hauptschule gekommen", sagt er.

Eine Bildungskarriere wie diese ist für die meisten Hauptschüler nicht denkbar. Denn das Bildungssystem ist wenig durchlässig. Die meisten Absolventen finden nicht einmal auf Anhieb einen Ausbildungsplatz. Laut Erhebungen des Bundesinstituts für Berufsbildung gelingt es knapp 28 Prozent der Hauptschüler, direkt in das Berufsleben einzusteigen. Die meisten besuchen aus Mangel an Alternativen weiter die Schule. Viele davon, obwohl ihre Noten eigentlich dagegen sprechen. Jeder fünfte Schüler geht entweder mit einem schlechtem Abschluss oder ganz ohne ab.

"Das gibt es bei uns nicht", sagt Ralf-Michael Röckel, Leiter der Gustav-Werner-Gemeinschaftsschule im baden-württembergischen Walddorfhäslach. Hier verlassen alle 20 Schüler eines Abschlussjahrgangs die Schule mit der Zusage einer weiterführenden Schule oder einem Ausbildungsvertrag in der Tasche. Häufig konkurrieren die Absolventen sogar mit Realschülern um dieselben Lehrstellen, nicht selten erhalten sie den Zuschlag – wie etwa Selina Kemmler. Weil sie während eines Praktikums in einem Labor überzeugte, bot ihr der Betrieb umgehend eine Ausbildung zur Zahntechnikerin an, ein Beruf, für den normalerweise der Realschulabschluss vorausgesetzt wird. Ähnlich war es auch bei Moritz Hagemann. Weil er sich in seinem Praktikum so stark engagierte, konnte er auch ohne Mittlere Reife eine Ausbildung zum Mechatroniker beginnen. Dass die beiden so erfolgreich bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz waren, haben sie auch ihren Lehrern zu verdanken.

Kein Abschluss ohne Abschluss

Denn im Kollegium der Gustav-Werner-Gemeinschaftsschule gilt die Maxime: Kein Abschluss ohne Abschluss. "In der Gesellschaft gibt es nun mal eine Bestenauslese. De Facto konkurrieren unsere Hauptschüler mit Realschülern um Ausbildungsplätze. Deshalb optimieren wir ihre Chancen durch eine intensive Berufsvorbereitung", sagt Schulleiter Röckel.

An die können sich seine Ehemaligen noch gut erinnern. "In der fünften Klasse gibt es ein Zirkusprojekt", erzählt die 20-jährige Elena Gaiser. "Auch wenn man das in diesem Alter nicht so richtig wahrnimmt, es trainiert Gestik und Mimik, man spricht schon mal vor einer größeren Gruppe und bekommt mehr Selbstbewusstsein." In der siebten Klasse müssen die Schüler 20 Sozialstunden in einem Senioren-Pflegeheim ableisten und zwar in ihrer Freizeit. Da ist gutes Zeitmanagement gefragt. Für alle spürbar startet die eigentliche Berufsvorbereitung in der achten Klasse. "Wir haben Ordnung, Pünktlichkeit und Umgangsformen regelrecht trainiert", erinnert sich Hofer. Damals ein lästiges Übel, für das er heute allerdings dankbar ist. Die Schüler erstellen ihre Bewerbungsmappen zusammen mit den Lehrern. Sie üben Bewerbungsgespräche mit "echten Chefs". Dafür werden Arbeitgeber aus der Region in den Unterricht geladen. Und Fachleute bereiten die Schüler auf Eignungstest vor und trainieren in Rollenspielen Bewerbungssituationen.

Praxis, Praxis, Praxis

 "Das wichtigste aber waren die Praktika", erzählt Gaiser. Jeden Dienstag gibt es einen Praxistag, den die Schüler in einem örtlichen Betrieb verbringen. Fünf bis sechs Berufsfelder lernen sie dabei kennen. Hinzu kommt noch ein zweiwöchiges Praktikum. Viel Zeit, um Kontakt zur Wirtschaft für spätere Bewerbungen zu knüpfen. "Es ist wichtig, dass die Schüler den regionalen Wirtschaftsraum kennenlernen und die Betriebe sie. So weiß jeder, was er am anderen hat", sagt Schulleiter Röckel. Natürlich ist das als kleine Schule mit nur wenigen Schülern leichter zu bewerkstelligen. Trotzdem verlangt es großes Engagement von den Lehrern. Im Laufe der Jahre konnten Röckel und seine Kollegen mit mehr als 80 Unternehmen, darunter etwa Bosch in Reutlingen, Daimler in Sindelfingen oder Kauffmann Neuheiten in Walddorfhäslach, Bildungspartnerschaften und Kooperationen über Praktikums- und Ausbildungsplätze schließen. 

Auch Gaiser fand so zu ihrem Beruf. "Ich habe Praktika bei der Volksbank, in einer Druckerei, im Spielwarenladen und anderen kaufmännischen Bereichen gemacht. Das hat mir gefallen." Sie besuchte nach dem Abschluss zwei Jahre lang eine Wirtschaftsschule. Danach machte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei einem Hersteller von Sonnenschutzsystemen. Im Sommer sind die letzten Prüfungen. Gaiser hat bereits die Zusage, danach als Angestellte übernommen zu werden.

Solche Erfolge machen Röckel stolz. Er glaubt, dass das Konzept auch in größeren Städten Erfolg haben könnte. Und vielleicht machen einige seiner Schüler eine ähnliche Bildungskarriere wie Kilian Hofer.