ZEIT ONLINE: Müssen Führungskräfte andere manipulieren können, Herr Rappmund?

Eike Rappmund: Führungskräfte können gar nicht anders, als zu manipulieren. Denn jeder Führungsstil hat Einfluss auf Mitarbeiter. Wem das nicht bewusst ist, der kommt zu keiner Lösung. Nur so funktioniert zielorientierte Führung.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht verwerflich, andere gegen ihren Willen zu steuern?

Rappmund: Die Bedeutung von Manipulation wird häufig missverstanden. Wir alle manipulieren und werden manipuliert, ständig.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Rappmund: Menschen haben Ziele. Und Manipulation ist zu allererst ein intuitives Vorgehen, um diese Ziele leicht zu erreichen. Setzen Sie mal als Synonym für "Ziel" das Wort "Bedürfnis" ein. Schließlich liegt jedem Ziel ein Bedürfnis zugrunde. Menschen haben Bedürfnisse. Und um diese befriedigt zu bekommen, legen sie sich mächtig ins Zeug. Bewusst wie unbewusst. Wir können also gar nicht anders, als Einfluss zu nehmen. Sonst werden wir nie bekommen, was wir wollen und brauchen. Dieses Verhalten ist in uns angelegt. Unzählige Verarbeitungsrituale in unserem Gehirn steuern diesen natürlichen Prozess voll automatisiert. Und das noch lange bevor wir glauben, eine bewusste Entscheidung getroffen zu haben.

ZEIT ONLINE: Dennoch hat Manipulation einen schlechten Ruf.

Rappmund: Wortwörtlich übersetzt heißt Manipulation "etwas selbst in der Hand haben". Das macht den Begriff erst einmal nicht negativ, ganz im Gegenteil. Ein Problem entsteht erst dann, wenn jemand etwas nicht selbst in der Hand haben will. Denn dann ist Manipulation – zumindest vom Wortsinn her – unerwünscht.

Es ist doch so: Vieles an Verantwortung delegieren wir doch lieber. Vieles wollen wir lieber nicht wissen, und nicht immer wollen wir für alles auch die Initiative selbst ergreifen. Wir lassen uns lieber führen. Das ist bequemer. Schließlich ist unser Alltag höchst komplex. Manipulation ist also durchaus erwünscht. Darum gibt es ja auch jede Menge Berufe, die Manipulation voraussetzen.

ZEIT ONLINE: Welche zum Beispiel?

Rappmund: Im Prinzip gehört jede Führungsposition dazu. Ob es das Management ist, Krankenschwestern, Politiker, Werbetreibende oder auch spirituelle Führer – bei all diesen Berufsbildern nutzt man sein Wissen, Können und Tun klar, bewusst und zielstrebig, um Ziele zu erreichen. Das ist auch allen klar. Ein Problem mit Manipulation entsteht erst, wenn man die Verantwortung für sich selbst nicht übernehmen will, und es gleichzeitig aber auch einem anderen verbietet.

ZEIT ONLINE: Wie kann man das verhindern und wie kann man sich gegen Manipulationsstrategien wehren?

Rappmund: Ich tue mich schwer mit dem Begriff "wehren". Es kommt doch vielmehr darauf an, eine feine Antenne zu entwickeln, mit der man seine eigenen, inneren Prozesse wahrnehmen und verstehen kann. Die allermeisten Menschen erkennen sehr wohl, wenn jemand sein Geschick selbst in die Hand nimmt und versucht, Einfluss zu nehmen. Und sie erkennen auch das dahinter liegende Ziel und Bedürfnis: Da will einer motivieren, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen, will sympathisch wirken, um gut miteinander zusammenzuarbeiten, beispielsweise. Man kann doch selbst entscheiden, ob man sich derart manipulieren lässt und das Ziel mitträgt, oder ob man sich dagegen wehren will.

Es gibt allerdings auch Menschen, die sich gegen dieses Stückchen Bewusstheit verweigern. Sie gehen pauschal auf Abwehr, um sich vor scheinbaren Manipulationsattacken zu wehren. Ist man sich aber seiner Bedürfnisse bewusst, lassen sich die Manipulationsangebote anderer und der eigene Wille in Einklang bringen.

Wenn klar ist, dass wir uns gerne führen und manipulieren lassen und nur ungern Eigenverantwortung übernehmen, dann darf man sich auch nicht im Nachhinein beschweren.