Nicht gekündigt, aber rausgemobbt – Seite 1

Es gab Momente, in denen Jessica Jansen* sich für ihre Schwangerschaft schämte und sich nicht auf ihr Kind freuen konnte. "Ich wollte schon länger schwanger werden. Dann passierte es zu dem ungünstigsten Zeitpunkt, den ich mir vorstellen konnte", sagt sie. Den Kinderwunsch hatte sie zunächst aufgeschoben. Erst wollte sie beruflich ankommen. Dann kündigte ihr der Arbeitgeber just in dem Moment, als sie mit ihrem Partner versuchte, ein Kind zu bekommen. Jansen hatte gleich doppeltes Glück – sie bekam die Zusage für eine Stelle, die sogar ein Karrieresprung war. Und sie hielt einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand.

Geplagt von Gewissensbissen trat sie ihre neue Stelle an. "Ich kam mir vor wie eine Lügnerin", sagt sie. Ihre Frauenärztin riet ihr, den neuen Arbeitgeber nicht zu früh über ihre Schwangerschaft zu informieren. Immerhin ist das Risiko einer Fehlgeburt in den ersten zwölf Wochen mit 10 bis 20 Prozent recht hoch. Und rein rechtlich gesehen musste sie dem Chef auch nichts sagen. Trotzdem fühlte sie sich, als würde sie das neue Unternehmen hintergehen. Zwar kann eine Schwangere wegen des besonderen Kündigungsschutzes selbst in der Probezeit nicht gekündigt werden. Aber Jansen befürchtete, dass sie den neuen Job nach Ablauf des Mutterschutzes wieder verlieren könnte.

Die Arbeitsrechtlerin Sandra Flämig kennt viele solcher Geschichten. Frauen stünden unter einem hohen Rechtfertigungsdruck, wenn sie sich für Kinder entscheiden. "Eine Schwangerschaft wird von vielen Arbeitgebern noch als ein Problem betrachtet", sagt die Rechtsanwältin. Vor allem, wenn die Mitarbeiterin erst seit kurzer Zeit im Unternehmen ist oder gerade erst befördert wurde.

Frauen fürchten um ihren Job, Arbeitgeber fühlen sich hintergangen

"Für viele Chefs ist das ein Vertrauensverlust. Sie fühlen sich hintergangen", sagt sie. Die Frauen wiederum fürchteten, dass sie nach Mutterschutz und Elternzeit aus ihrem Beruf gedrängt werden. Flämig rät werdenden Müttern trotzdem zu mehr Offenheit. Mitarbeiterinnen sollten dem Arbeitgeber einen Plan vorstellen, wie es weitergehen kann, nachdem das Kind auf der Welt ist. Hilfreich ist, wenn man weiß, wie lange man voraussichtlich Elternzeit nehmen möchte, wie der Wiedereinstieg aussehen könnte oder wer als Vertretung infrage kommt. Das mache es für beiden Seiten entspannter, ist Flämigs Erfahrung. Den Chefs rät sie zu mehr Flexibilität. "Viele Aufgaben lassen sich in Teilzeit oder aus dem Homeoffice erledigen. Hier müssen viele Arbeitgeber aber noch die Erfahrung machen, dass es möglich ist." Auch hier sei es hilfreich, wenn die Arbeitnehmerinnen konkrete Vorschläge machten.

Allerdings komme es immer noch vor, dass Mitarbeiterinnen aus dem Unternehmen gedrängt werden.

Jeder Chef kann seine Mitarbeiter rausekeln

So war es bei Melanie Schmitt*. Im Vorstellungsgespräch wurde die Ärztin von ihrem neuen Chef gefragt, ob sie plane, bald Kinder zu bekommen. "Die Frage empfand ich als Grenzüberschreitung. Ich wusste, ich muss darauf nicht antworten", sagt die Medizinerin. Schmitt wusste zu dem Zeitpunkt nicht, ob sie überhaupt schwanger werden kann, da sie unter einer Erkrankung der Gebärmutter leidet. Zwei Jahre hatten sie und ihr Partner versucht, ein Kind zu bekommen. Hätte sie ihrem Chef diese intimen Details erzählen sollen? Allerdings hatte das Paar eine Kinderwunschbehandlung durchführen lassen. Drei Monate später war sie schwanger. Der Chef warf ihr vor, im Vorstellungsgespräch gelogen zu haben. "Irgendwann kommt der Moment, in dem sie ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr ertragen werden", prophezeite er ihr. Von da an habe sie gewusst, dass sämtliche gesetzliche Regelungen für schwangere Frauen nur auf dem Papier existieren. "Jeder Chef kann eine Mitarbeiterin rausekeln, wenn er nur möchte", sagt Schmitt.

Eine finanzielle Belastung für Arbeitgeber

Zu allem Überfluss war ihre Schwangerschaft eine Risikoschwangerschaft. Ihre Gynäkologin empfahl ihr, in Teilzeit zu arbeiten. Der Vorgesetzte machte daraus ein Vollzeitbeschäftigungsverbot – arbeitsrechtlich ein wesentlicher Unterschied. Das Gehalt zahlte fortan die Krankenkasse. "Ein Beschäftigungsverbot bei Ärzten ist sinnvoll, wenn es dem Schutz einer Schwangeren gilt, vor Infektionen oder Keimen", erklärt Schmitt. In ihrem Fall wäre es nicht nötig gewesen. Sie war hauptsächlich am Schreibtisch tätig, hatte ohnehin nur wenig Patientenkontakt. "Ich wollte arbeiten und hatte nicht das Gefühl, dass mein Chef das Beschäftigungsverbot verhängte, weil er mich schützen wollte, sondern um sich zu rächen."

Arbeitsrechtlerin Flämig wundert es, dass Vorgesetzte überhaupt im Vorstellungsgespräch nach der Familienplanung fragten, immerhin sei die Rechtslage bekannt. "Auf die Frage nach dem genauen Zeitpunkt, kann es keine eindeutige Antwort geben", sagt Flämig. Wer eine Frau im gebärfähigen Alter einstelle, müsse damit rechnen, dass diese schwanger werden kann.

Die Agentur wäre fast insolvent gegangen

"Ein Arbeitgeber kann nicht verlangen, dass seine Mitarbeiterinnen kinderlos bleiben", sagt Harald Schottenloher von der Wirtschaftsberatung Synthesos, die Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen berät. Allerdings entstünden Unternehmen durch Schwangerschaft, Mutterschutz und Elternzeit Kosten, die besonders kleine Unternehmen vor eine Herausforderung stellten. "Vor allem dann, wenn die Mitarbeiterin aufgrund ihrer Qualifikation schwer ersetzbar ist oder ein sehr hohes Gehalt erhält", sagt Schottenloher. Als Berater habe er persönlich erlebt, wie in einem Start-up gleich zwei neu eingestellte Designerinnen gleichzeitig schwanger wurden. "Die Agentur musste zeitgleich beiden Frauen ihren Mutterschaftsurlaub finanzieren und wäre dabei fast insolvent gegangen", sagt er. Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt ein Mutterschaftsgeld in Höhe von 13 Euro pro Kalendertag. Beträgt der monatliche Nettolohn mehr als 390 Euro, übernimmt der Arbeitgeber die Differenz. "Je höher das Gehalt, desto größer ist das Problem für den Arbeitgeber", sagt der Berater. Seiner Meinung nach müsste der Staat die Unternehmer mehr entlasten.

Frauen ziehen sich zurück

Facebook-Managerin Sheryl Sandberg vertritt eine für Unternehmer eher seltene Meinung. "Auch die Monate bis zur Geburt eines Kindes können ein wunderbarer Zeitpunkt für einen Jobwechsel sein", schreibt sie in ihrem Buch Lean in. Laut eigenen Angaben hat sie selbst bereits schwangere Frauen eingestellt und befördert. In ihrem Buch macht sie Frauen Mut, trotz anstehender Familienplanung neue berufliche Herausforderungen anzugehen. Zu häufig habe sie mitbekommen, wie "talentierte junge Frauen Chancen links liegenließen", weil sie schon bevor sie Kinder bekamen, dachten, sie müssten sich langsam aus dem Berufsleben zurückziehen.

Genau das wollten Jessica Jansen und Melanie Schmitt nicht. Als Jansen ihrer Chefin nach vier Wochen im Unternehmen von ihrem Geheimnis berichtete, brach sie fast in Tränen aus. Die Chefin hatte Verständnis und sah in der Schwangerschaft kein Problem. Eine Vertretung konnte Jansen sogar selbst organisieren. Ein halbes Jahr nach der Geburt kehrte sie in den Job zurück. Und mit dem Rückhalt im Unternehmen arbeitete sie bis zur Geburt so kreativ wie selten, erinnert sie sich.

Auch Melanie Schmitt musste sich nicht zwischen Muttersein und Berufstätigkeit entscheiden. Sie wechselte in ein anderes Krankenhaus, zu einem Chef, der mehr Verständnis für Frauen und Familie aufbringt.