Nach einem Vierteljahrhundert im Kloster hängte Rainard Dörpinghaus die Mönchskutte an den Nagel – und wurde Unternehmer.

Dabei war sein eigentlicher Plan ein ganz anderer. Als junger Mann wollte er Kirchenmusiker werden. Das Fach studierte der Westfale an der renommierten Musikhochschule in Detmold. Doch die Stellen wurden drastisch reduziert, der Beruf hatte für ihn keine Zukunftsaussichten mehr. Also wechselte Dörpinghaus, der schon immer kirchlich verbunden war, zu katholischer Theologie. Zwei Semester verbrachte er an der Uni in Wien. Auf dem Weg dorthin kam er immer am Benediktinerkloster Niederaltaich vorbei. "Irgendwann fühlte ich, dass es der richtige Weg ist, dort einzutreten", erinnert er sich. Er wollte Seelsorger sein. Aber als Pfarrer hätte er eine Menge mit Verwaltung, Organisation und Finanzen zu tun gehabt. Das wollte er nicht. Im Kloster dagegen konnte er sich "ganz dem Menschen und auch meiner geliebten Kirchenmusik widmen". Mit seinem Eintritt in die klösterliche Gemeinschaft legte er auch seinen bürgerlichen Namen ab. Fortan hießt er Frater Maurus, nach der Priesterweihe dann Pater.

Um im klostereigenen Ökumenischen Institut mitarbeiten zu können, wurde er zunächst nach Rom zu einem Lizentiat-Studium geschickt. Als er nach seinem Abschluss wieder in der Heimatabtei ankam, verlief sein Leben anders als geplant: Er hatte ab sofort als Präfekt das Internat mit zu leiten, welches sein Kloster bis 1994 beheimatete. Vormittags gingen seine Schützlinge in die Schule, danach war Präfekt Maurus für sie da, begleitet sie bei den Hausaufgaben und in ihrer Freizeit. Doch nicht nur für diese Jugendlichen war er ein wichtiger Ansprechpartner. "Ich habe viel Einzelseelsorge gemacht, soziale Notfälle betreut und Kranke", erzählt der frühere Mönch. "Der Beruf hat mich erfüllt."

Doch das Gefühl hielt nicht. Der Pater erkannte Stück um Stück, dass ihn das Klosterleben allein auf Dauer nicht glücklich machte. Die Gemeinschaft im Kloster sei eine theoretische gewesen – traditionell, nicht familiär. Hinzu kamen private Probleme. "Meine Eltern wurden krank, und ich fuhr häufig von Bayern nach Nordrhein-Westfalen, um sie zu pflegen. Zehn Jahre lang. Dann konnte ich nicht mehr." Zu diesem Zeitpunkt war er 48 Jahre alt und suchte nach einer Möglichkeit, sein Leben neu zu ordnen. Als sein Vater starb und seine Mutter zum Pflegefall wurde, traf er einen folgenreichen Entschluss: das Kloster zu verlassen. 

In der zivilen Welt fand er sich zunächst kaum zurecht

Und so wurde 2007 aus Pater Maurus wieder Rainard Dörpinghaus. Er zog nach Berlin, von wo er sehr viel einfacher in das heimatliche Bad Oeynhausen pendeln konnte. "Das war ein unglaublich krasser Schritt. Im Kloster hatte ich wie in einer Blase gelebt, in der ich mich um nichts kümmern musste. Wenn ich Urlaub machen wollte, wurde der bezahlt, wenn ich eine neue Hose brauchte, bekam ich dafür Geld. Das Kloster hatte mehrere Autos, die man nutzen konnte, ich wurde bekocht, hatte eine Bibliothek mit ungefähr 150.000 Büchern zur Verfügung, eine große Orgel, Klaviere – einfach alles zum Leben, was man so brauchte. Auf einmal stand ich außerhalb dieser Welt wieder in einem zivilen Alltag und war irgendwie ein No-Name."

Den Schritt zurück ins eigenständige Leben beschreibt der heute 56-Jährige als harten Lernprozess. Seinen Lebensunterhalt finanzierte er anfangs mit finanziellen Reserven aus dem elterlichen Erbe. Das verschaffte ihm Zeit, sich neu zu orientieren. Auch beruflich. Als Theologe sah Dörpinghaus für sich keine Zukunft, denn auch die Kirche musste sparen. Pfarreien wurden zusammengelegt, wodurch auf einen Geistlichen gleich mehrere Tausend Gläubige kamen. Mit seinem Anspruch an eine professionelle Seelsorge kam dies nicht infrage. Außerdem fürchtete er, mit Ende 40 keine Anstellung mehr zu finden. Blieb also nur die Selbstständigkeit. Aber wie sollte er, der im weltlichen Leben erst einmal wieder ankommen musste, den Schritt in die Selbständigkeit schaffen? "Ich wusste ja noch nicht einmal, was Umsatzsteuer ist und wie ich die auszuweisen habe", erinnert er sich.

Aus dem Mönch ist ein Coach geworden

Trotzdem ließ er sich nicht entmutigen. Der Theologe besuchte Seminare bei der IHK und entschloss sich für eine Weiterbildung an der Humboldt-Universität zum systemischen Coach und Kommunikationsberater. "Das gab mir die Möglichkeit, meine Fähigkeiten und Erfahrungen aus der Seelsorge marktwirtschaftlich nutzbar zu machen", sagt er. Seinen klösterlichen Hintergrund nutzt er, indem er einige Methoden und Weisheiten von Mönchsvater Benedikt anwendet.

Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg hat er heute ein kleines Büro, er wird häufig bei Beziehungs-, Trauer- oder beruflichen Problemen konsultiert. Viele Künstler kommen zu ihm, die beruflich voran kommen wollen. Für Firmen, die Mitarbeiter entlassen müssen, übernimmt Dörpinghaus die Betreuung der Betroffenen im Bewerbungsverfahren und erarbeitet mit ihnen neue berufliche Perspektiven – mit Erfolg. Fast alle seine Klienten fanden bisher einen neuen Job. Das spricht sich rum und so gewinnt er neue Kunden. Auch Firmen, die beispielsweise die Teamkoordination oder die Mitarbeiterführung verbessern wollen, wenden sich an ihn, auch weil sein Ansatz anders ist. Hier bringt er immer noch den Geistlichen ein, der er 25 Jahre lang war. Ihm ginge es um Zuhören, sagt er. Etwas, das besonders Führungskräfte können sollten. "Wer zuhören lernt, begreift schnell, wie man mit Mitarbeitern, mit Leistungsdruck oder Fehlern umgeht."    

Sein klösterliches Leben vermisst der Unternehmer nur selten. Noch immer pflegt er einen freundschaftlichen Kontakt zu seiner ehemaligen Gemeinschaft, genießt es aber auch, heute ein Netzwerk aus Freunden zu haben. Und auch die geliebte Kirchenmusik begleitet Dörpinghaus weiter: Am Wochenende trifft man ihn eigentlich immer in einer der vielen Berliner Kirchen an der Orgel. "Das ist für mich eine Ruheposition, aus der ich neue Kraft schöpfe."

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