"Ich habe immer zu den Leuten gehört, die gedacht haben, das Leben ist planbar", erzählt Nicole Rinder. Die Münchnerin machte nach der Realschule eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, merkte aber, dass der Beruf nicht zu ihr passte. "Ich habe dann alles Mögliche ausprobiert: Auf Kinder aufpassen, in einer Fahrschule arbeiten, beim Film und dann bin ich durch eine Freundin zu einem Frauenarzt gekommen, wo ich fast zehn Jahre als Arzthelferin gearbeitet habe." Alles schien perfekt, auch das private Leben mit ihrem Partner. Rinder wurde schwanger, alles verlief normal – bis vier Wochen vor der Entbindung.

Bei einer Untersuchung stellte der Gynäkologe fest, dass ihr Baby schwer krank ist. "Als er seiner Helferin sagte, sie solle bitte allen anderen Patienten sagen, dass es mit mir noch länger dauern würde, wusste ich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte." Der Arzt erklärte Rinder, dass ihr Sohn einen schweren Herzfehler habe und dazu noch ein Aneurysma im Gehirn. 

Er besprach sich mit vielen Experten – doch keiner konnte der werdenden Mutter Hoffnung geben: "Alle sagten, unser Sohn werde sterben. Entweder noch in meinem Bauch, bei der Entbindung oder kurz danach", erinnert sich Rinder. "Der Alptraum war plötzlich da. Meine erste Reaktion war: Ich gehe sofort ins Krankenhaus, lasse mir eine Vollnarkose geben und das Kind per Kaiserschnitt holen. Ich wollte damit nichts zu tun haben." Doch die Ärzte hielten einen Kaiserschnitt nicht für notwendig. "Für mich war das der absolute Horror. Ich habe mich ständig gefragt: Wie schafft man eine Geburt, wenn man weiß, das Kind wird tot zur Welt kommen oder direkt im Kreißsaal sterben?" Halt und Zuspruch fand Rinder vor allem im Geburtshaus. Trotz der Diagnose hatten die Hebammen ihr dort zugesagt, dass sie bei Ihnen entbinden dürfe. Und sie stellten ihr den Kontakt zu einer Mutter her, die Ähnliches erlebt hatte. Diese Gespräche halfen der damals 27-Jährigen sehr.

Ihr Sohn wurde vier Tage alt.

Zeit zum Trauern, Zeit zum Leben

Sechs Wochen nach der Beerdigung kehrte Rinder an drei Tagen die Woche in ihren alten Job zurück. "Es war gut, wieder Struktur und Routine zu bekommen und trotzdem Zeit zum Trauern zu haben. Die Schwangeren und Mütter mit ihren Neugeborenen in der Praxis zu sehen, machte mir keine Probleme." Im Rückbildungskurs kam für die junge Frau der Punkt, an dem sie merkte: Es gibt ein Leben vor dem Todesfall und eines danach.

Sie begann das Danach neu zu sortieren. "Ich lernte Mütter kennen, die ein Kind verloren hatten und schnell wieder schwanger wurden. Die wollten einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen, aber eben keinen klassischen, sondern einen speziellen für Frauen mit diesen Erfahrungen." Doch solche Kurse wurden in München nicht angeboten. Rinder wollte diese wichtige Aufgabe übernehmen und ließ sich ausbilden. "Ich verstehe den Schmerz dieser Frauen aus meiner eigenen Erfahrung heraus. Deshalb wollte ich die Ausbildung machen. Ich fühlte: Das ist mein Weg." 

Sie begann für Aetas zu arbeiten – einem Institut für Lebens- und Trauerkultur – gemeinsam mit dem Mann, der ihr Kind bestattet und ihr selbst eine Trauerbegleiterin geschickt hatte.

Mit der Zeit wurden ihre Aufgaben immer umfassender, sie bot Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse für betroffene Frauen an und begleitete trauernde Eltern. Mit ihnen gestaltete sie Särge und Trauerräume, half beim Anziehen der Toten und gab Impulse zur Gestaltung der Trauerfeier, "das letzte Fest", wie sie es nennt. Sie versuchte, den Angehörigen die Angst vor dem Abschied zu nehmen – und Mut zu machen, dass das Leben auch nach einem Trauerfall weitergeht – wofür sie selbst ein gutes Beispiel ist. Rinder lernte in psychologischen Fortbildungen, professionellen Abstand zu den Menschen zu halten, die sie um Hilfe baten. "Die Trauernden, die zu uns kommen, berühren mich. Ich fühle mit ihnen, aber ich leide nicht mit. Sonst könnte ich den Beruf gar nicht ausüben."

Zwei Jobs parallel

Doch nicht nur trauernde Eltern wollte sie unterstützen: "Ich merkte, dass das Konzept auch für Angehörige sinnvoll ist, die einen Menschen plötzlich durch Unfall oder Suizid verloren haben, und bot auch für sie Begleitung an. Dazu gehörten auch Kinder. Für sie ist es wichtig, die Beerdigung oder Trauerfeier mit vorbereiten zu dürfen und nicht nur zu sehen, wie ein Eltern- oder Großelternteil einfach verschwindet."  Doch das bedeutete auch, dass sie immer mehr Zeit bei und mit den Trauernden verbrachte. "Das war der Punkt, an dem ich mich ganz für Aetas entschieden habe", erzählt Rinder, die bis dahin noch parallel bei ihrem alten Arbeitgeber gearbeitet hatte.  

Seit 14 Jahren ist sie nun schon Trauerbegleiterin, inzwischen leitet die 43-Jährige Aetas gemeinsam mit dem Gründer Florian Rauch und verwirklicht immer neue Ideen. Seit einem halben Jahr gehört eine Stiftung für Kinder-Krisenintervention dazu, mithilfe derer Kinder von der ersten Stunde an gut begleitet werden können.

Während viele Menschen Angst vor Trauer und Tod haben, hat Nicole Rinder darin den Beruf gefunden, der sie erfüllt: "Auch wenn ich das Wort nicht mag, aber das, was ich mache, ist meine Berufung. Die Arbeit beim Frauenarzt hat mir auch Spaß gemacht, es ist schön, Schwangere zu begleiten. Aber heute ist mein Beruf mein Leben – und nicht mehr meine Arbeit."

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