ZEIT ONLINE: Jeder Dritte leidet unter permanentem Stress, "viele arbeiten sich systematisch krank". Ist Arbeitgebern die Gesundheit ihrer Mitarbeiter egal, Frau Leist?

Antje Leist: Vielen Unternehmen ist das Thema wichtig, gerade wegen der steigenden Zahl an Fehltagen. Sie schaffen Angebote, die das Wohlbefinden der Beschäftigten stärken sollen. Verständlicherweise steht dahinter auch die Absicht, zu motivieren und so die Leistungsbereitschaft zu steigern

ZEIT ONLINE: Vielleicht sollte man lieber etwas gegen die Arbeitsverdichtung tun.

Leist: Das stimmt, denn durch die Technologisierung und Digitalisierung wie auch Einsparvorgaben hat sich in vielen Berufen die Arbeit tatsächlich verdichtet. Aber bei der Zunahme der Krankheitstage spielt auch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit eine Rolle und dass viele Erkrankungen heute besser und früher erkannt werden oder dass es etwa im Bereich psychischer Erkrankungen "heute ganz neue Diagnosen gibt". Auch wenn viele Menschen unter einer Erschöpfungsdepression leiden, so ist diese Diagnose häufig immer noch ein Tabu. Wer in psychologischer Behandlung ist, fürchtet immer noch, bei Bekanntwerden stigmatisiert zu sein. 

ZEIT ONLINE: Warum kann es überhaupt zu so vielen Burn-out-Fällen kommen? Warum steuern Führungskräfte nicht frühzeitig gegen?

Leist: Zuerst müssen wir uns vergegenwärtigen, dass Burn-out-Fälle nicht nur auf berufliche, sondern häufig auch auf private Stressoren zurückzuführen sind. Und sicherlich gibt es viele Führungskräfte, die sich um die psychische und physische Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern, nur leider noch nicht genug. Das hat auch damit zu tun, dass häufig Menschen in Führungspositionen kommen, die nicht aufgrund ihrer sozialen und kommunikativen Kompetenzen ausgewählt wurden, sondern weil sie Experten in einem Fachthema, oder wie es so schön heißt, "durchsetzungsstark" sind. Zudem ist es noch nicht in allen Betrieben angekommen, dass neben der Umsatz- und Gewinnorientierung auch die Mitarbeiterorientierung ein wichtiger Faktor für die Erreichung der Unternehmensziele ist. Und damit fehlt zumeist das notwendige unterstützende Betriebsklima.

Arbeitgeber, die das ändern wollen, sollten die Sorge für das Wohl der Mitarbeiter auch als Führungsaufgabe definieren. Und ihren Führungskräften dafür ausreichend Zeit geben. Dazu muss aber bei der Auswahl der Führungskräfte darauf geachtet werden, dass sie neben den fachlichen Anforderungen auch soziale und kommunikative Kompetenzen mitbringen, um einen entsprechenden Dialog mit Mitarbeitern überhaupt führen zu können.

ZEIT ONLINE: Wie können Chefs ihr Unternehmen und ihre Mitarbeiter vor Stress schützen?

Leist: Mitarbeiter vor Stress zu schützen, ist im Interesse der Unternehmen: Denn negativer Stress für die Mitarbeiter hat negative Auswirkungen auf das Unternehmensergebnis. Es gibt zahlreiche Studien, die diesen Zusammenhang belegen.