ZEIT ONLINE: Frau Albiez, Sie leiten die Geschicke von Dell in Deutschland. Ist es einfacher für Frauen, in einem US-amerikanischen Unternehmen Karriere zu machen als in einem deutschen?

Doris Albiez: In den USA fördern Unternehmen Frauen gezielter und sind uns hier noch weit voraus. Doch auch in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Die Menschen sind offener geworden und sprechen darüber, wie mehr Frauen in Unternehmen Verantwortung übernehmen können. Auch in Gesprächen mit Kunden und Geschäftspartnern merke ich, dass viele Industrien verstanden haben, dass Frauen in Führungspositionen keine Gefahr für Männer darstellen.

ZEIT ONLINE:  In der Informations- und Telekommunikationsbranche liegt der Frauenanteil in Führungspositionen bei mageren vier Prozent. Wie haben Sie es gerade dort nach oben geschafft?

Albiez: Ich wusste schon sehr früh, dass ich ganz nach oben will. Deshalb habe ich meine Karriere auch langfristig geplant. Dazu braucht es Zähigkeit und Durchhaltevermögen, um nicht bei den ersten Schwierigkeiten gleich aufzugeben. Außerdem ist es wichtig, die eigene Kreativität zu nutzen und neue Ideen einzubringen, auch wenn es heißt: "Das haben wir noch nie so gemacht." Mut, Zielstrebigkeit und sich nicht verbiegen lassen sind weitere Attribute, um etwas zu erreichen.

ZEIT ONLINE: Das klingt mehr nach einer Ochsentour.

Albiez: Es ist wichtig, niemals aufzugeben. Das ist für mich ein zentraler Aspekt. Gerade Frauen müssen bereit sein, ihre Komfortzone zu verlassen und Risiken eingehen. Genau das wird im Management erwartet.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig sind Ziele?

Albiez: Ganz wichtig. Ein Mensch, der keine Ziele hat, wird es auch nie zu etwas bringen, davon bin ich überzeugt. Je präziser diese formuliert sind, desto besser. Ich habe in meiner Karriere Etappenziele eingeplant und mir genau überlegt, wer mir helfen und mich unterstützen kann. Viele Frauen glauben immer noch, dass sie alles alleine und aus eigener Kraft schaffen müssen.

ZEIT ONLINE: Viele behaupten, ohne Netzwerk und Mentoren gelingt der Aufstieg nicht. Wie wichtig sind sie wirklich?

Albiez: Mich haben über die Jahre hinweg drei Mentoren unterstützt, an die ich mich immer wieder gewandt habe. Manchmal ist es wichtig, bestimmte Situationen oder Erlebnisse mit einer neutralen Person außerhalb des Teams oder des eigenen Unternehmens zu besprechen und andere Blickwinkel einzubeziehen. Ich nutze auch soziale Netzwerke und erhalte immer wieder Impulse, die mich weiterbringen. Doch besonders wichtig ist mir ein kleiner Kreis von Personen, zu denen ich persönliche Beziehungen pflege und deren Meinung mir wichtig ist. Dazu gehören Wegbegleiter, Mentoren oder Ratgeber. Wir kennen uns seit Langem. Oftmals rufe ich einfach an, wenn ich an die Person denke, es muss nicht immer einen konkreten Anlass geben. Dieses Netzwerk pflege ich sehr intensiv, denn nur wenn eine Beziehung strapazierfähig ist, kann ich mich auch an die Person wenden, wenn ich wirklich einen Rat oder Hilfe brauche.

ZEIT ONLINE: Gibt es die gläserne Decke wirklich?

Albiez: Auf jeden Fall. Ganz zu Beginn meiner Karriere wollte ich im Außendienst arbeiten. Doch bei meinem damaligen Arbeitgeber gab es keine Frauen im Vertrieb, das war schlicht nicht erlaubt! Ich war hartnäckig, habe mich weitergebildet und war einige Jahre später eine der ersten Frauen im Außendienst. Auch bei der Bezahlung habe ich Unterschiede erlebt. Immer wenn ich gemerkt habe, dass ich feststecke und sich nichts verändern lässt, habe ich mir einen neuen Job gesucht. Auch schlechtere Bezahlung von Frauen ist ein Grund, sich nach neuen Aufgaben umzusehen.

ZEIT ONLINE: Als Chefin können Sie heute Frauen fördern. Was machen Sie?

Albiez: Wir möchten mehr Frauen einstellen. Doch wir haben festgestellt, dass sich nicht genügend Kandidatinnen bewerben. Also haben wir uns das Recruiting angesehen und gemerkt, dass unsere Anzeigen vor allem Männer ansprechen. Die Bildersprache in den Anzeigen war von Männern geprägt und die Texte waren gespickt mit aggressiv-männlichen Attributen. Damit haben wir Frauen nicht erreicht, das mussten wir erst einmal selbst erkennen. Wir haben viel verändert und hoffen, mit dem neuen Erscheinungsbild mehr Frauen für uns zu begeistern. Auch in den Vorstellungsgesprächen fragen wir bei den Bewerberinnen genauer nach, denn viele treten nach wie vor zu bescheiden auf.

ZEIT ONLINE: Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sollten sich hierzulande ändern?

Albiez: Top-Managerinnen in Deutschland haben oft keine Kinder und es wird immer noch nicht von allen akzeptiert, dass Frauen Karriere machen. Es gibt zwar Ansätze, mehr Frauen zu fördern, doch Klischees wie das der Rabenmutter halten sich hierzulande hartnäckig. Solche Vorurteile erschweren berufstätigen Frauen mit Kindern das Leben unnötig. Das muss nicht so sein, denn andere Länder gehen damit viel offener um. Frauen sind dort beruflich erfolgreicher. Es wäre schön, wenn sich Beruf und Familie auch in Deutschland besser vereinbaren ließen.