ZEIT ONLINE: Frau Frieß, was ist ein Alphatier?

Marina Frieß: Laut Wikipedia ist ein Alphatier der Erste eines Rudels. Oftmals wird allerdings dieser Begriff negativ assoziiert, da einige sogenannte Alphatiere eher egozentrisch und laut sind. Das liegt daran, dass sie sehr zielstrebig sind und vor allem diese Ziele schnell erreichen wollen. Allerdings verändert sich dieses Bild der klassischen Führungskraft gerade. Denn solche Führungskräfte sind gar nicht mehr gefragt. Vielmehr wünschen sich Mitarbeiter Vorgesetzte, die sie und ihre Bedürfnisse im Blick haben. Sie wollen Chefs, die Rücksicht nehmen und ihr Team wertschätzend behandeln. Aber auch wenn menschenorientierte Führung gefragt ist, so braucht es doch Alphatiere, um ein Unternehmen voranzubringen. Nur dass die Entscheider von heute dies nicht mehr ganz allein, sondern gemeinsam mit ihrem Umfeld tun.

ZEIT ONLINE: Der Begriff Alphatier ist für viele negativ besetzt. Warum?

Frieß: Weil Führungskräfte in der Regel sehr starke Persönlichkeiten sind. Viele kennen Chefs, die ohne Rücksicht auf andere ihr Ding durchsetzen und ihre narzisstischen Züge stark ausleben. Solche Chefs treffen ihre Entscheidungen oft einsam und verhalten sich auch da kompromisslos, wo sie eigentlich Zugeständnisse machen könnten. Das erzeugt natürlich keine positive Resonanz. Führungskräfte müssen heute vor allem auf der kommunikativen Ebene agieren – und daher auch die leisen Töne beherrschen.

ZEIT ONLINE: Erkennt man Alpha-Typen daran, dass sie auf ihren Status pochen?

Frieß: Nein. Es gibt natürlich Führungspersönlichkeiten, die stark von sich und ihrem Handeln überzeugt sind und ihren Machtstatus deshalb offen zur Schau tragen – etwa durch Statussymbole, Gestik und Mimik. Sie lassen heraushängen, dass sie der Überlegene sind, der sagt, wo es langgeht. Viele wollen auf diese Weise selbstbewusst wirken. Mitarbeiter merken aber, wenn es dem Chef nur um eine Darstellung seiner Dominanz geht. Solche Chefs werden in der Regel nicht wirklich respektiert und Mitarbeiter vertrauen ihnen oft auch nicht.

Den Respekt und das Vertrauen der Mitarbeiter verdient man sich eher durch ein angemessenes und mitunter auch angepassteres Verhalten. Das heißt, man setzt beispielsweise Statusgesten so ein, dass eine grundlegende Vertrauensgrundlage nicht zerstört wird. Als Chef muss man immer mal wieder unpopuläre Entscheidungen treffen und dann muss man einen höheren Status einnehmen. Aber das fällt leichter, wenn man sich diesen höheren Status auch erarbeitet hat.

ZEIT ONLINE: Ist der Status einer Person denn so entscheidend?

Frieß: Ja, denn wer einen höheren Status hat, ist aufgrund dessen überzeugender. Es heißt zwar immer, Gespräche sollten auf Augenhöhe geführt werden. Das ist grundsätzlich richtig, aber in der Praxis oft ein Kampf. Denn die ganze Wirtschaft funktioniert nach dem Gesetz des Stärkeren.

ZEIT ONLINE: Brauchen Unternehmen überhaupt Alphatiere?

Frieß: Definitiv. Ein Unternehmen braucht einerseits Mitarbeiter, die sich lieber im Hintergrund halten und dort hervorragende Arbeit leisten. Und es braucht andererseits Anführer, die gern in der ersten Reihe stehen und keine Angst vor auch schwierigen Entscheidungen und Verantwortung haben. Ein Unternehmen braucht diese Mischung, ansonsten würde die Wirtschaft nicht funktionieren.