Als Suchtberater hätte Berthold Weiß weiterhin ein geregeltes Beamtendasein führen können. Stattdessen hat er die Leitung der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA) in Ellwangen übernommen. Das Flüchtlingslager befindet sich in der Reinhardt-Kaserne, die älteste Kaserne Baden-Württembergs. 3.400 Menschen sind derzeit hier untergebracht, die Zahl steigt täglich. "Wollen wir zuerst einen Gang übers Gelände machen, damit Sie ein Bild davon bekommen, worüber wir überhaupt reden?", fragt er. Weiß, 53, ist ein schlanker, aufrechter Mann. Er trägt Jeans, Hemd, schwarzes Jackett und macht einen zufriedenen, aber müden Eindruck.   

In der LEA arbeiten 200 Personen und 100 Ehrenamtliche. Sie kümmern sich um die Gäste. "Wir sagen ganz bewusst nicht Flüchtlinge, weil wir uns vorgenommen haben, die Menschen wie Gäste zu behandeln."

Die Flüchtlinge sind im jüngsten Teil der ehemaligen Kaserne untergebracht. Gebaut wurden die sie in den siebziger Jahren, Anfang der 2000er für 25 Millionen Euro energetisch renoviert. Nur kurz darauf wurde die Kaserne wegen der Bundeswehrstrukturreform stillgelegt.

"Pro Woche wächst unsere Aufnahmestadt um 700 Menschen", sagt Weiß. Überall wimmelt es vor Menschen – in den Gängen der ehemaligen Soldatenunterkunft, in der Sporthalle, in den Zelten auf dem Gelände. An der Essensausgabe stehen Hunderte in der Schlange. Es ist Mittagszeit, die Polizei fährt vor. "Immer wieder gibt es Probleme, weil die einen meinen, andere hätten sich vorgedrängt", sagt Weiß.

Beim Start der LEA wurde eine Belegung mit 500 Personen als "normal" eingestuft, maximal sollten hier 1.000 Menschen Zuflucht finden. Jetzt sind es mehr als das Dreifache. Und damit ist bestimmt noch nicht Schluss. Von einem Leiter der Aufnahmestelle werden Lösungen erwartet, kein Jammern. 

Weiß stammt aus Ellwangen. Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung im gehobenen Verwaltungsdienst beim Landratsamt in Aalen, arbeitete er zwei Jahre als Immissionsschutzbeauftragter beim Landratsamt Ostalbkreis und studierte dann Verwaltungswissenschaften in Konstanz. Nach dem Studium arbeitete er als Suchtbeauftragter beim Landratsamt Ostalbkreis. Er ist Beamter durch und durch. Er unterbrach diese Tätigkeit nur für den Wehrdienst – einen Teil davon absolvierte er hier in der Reinhard-Kaserne.

Auf dem Weg wird der Leiter ständig angesprochen. Der eine wird verlegt und hat keine Reisetasche. Ein anderer bietet seine Dienste als Dolmetscher an. Andere frieren in den Zelten, die Temperaturen sind in den vergangenen Tagen gefallen. 

"Mein Job ist ein rein organisatorischer"

Weiß ist auch Lokalpolitiker, Parteimitglied der Grünen. Seit 15 Jahren sitzt er für die Partei im Stadtrat von Ellwangen, kandidierte sogar für das Amt des Oberbürgermeisters. Er hört zu, kennt aber auch die Tricks, wie man aus einem Gespräch kommt. Aus dem, was er höre und sehe, mache er sich ein Gesamtbild und reagiere dann vom Schreibtisch aus, sagt er. Anders wäre die Arbeit nicht zu schaffen. "Mein Job ist ein rein organisatorischer", sagt der Leiter. Das klingt wenig empathisch. Die vielen einzelnen Schicksale, Anliegen und Bedürfnisse bekommt man am besten mit Organisations- und Improvisationstalent in den Griff, davon ist er überzeugt.

Die meiste seiner Arbeitszeit sitzt er vor dem Computer oder in Besprechungen. Er beantwortet Anfragen von staatlichen Stellen zur Belegung, bespricht mit dem Sicherheitsdienst, wie das Sicherheitskonzept auf die steigende Anzahl an Menschen angepasst werden muss. Das Security-Personal hat er nicht mit Schlagstock oder Pfefferspray ausgestattet, wie es in anderen Lagern üblich ist. Nicht einmal Handschellen gibt es. Die Menschen sind schließlich traumatisiert genug.

Engagement für die Heimat

"Ich habe mir schon gedacht, dass mein neuer Job eine berufliche und persönliche Herausforderung werden wird. Aber dass es ein solcher Knochenjob wird, konnte ich nicht ahnen", sagt Weiß. In Sitzungen des Stadtrats hat er vor etwa einem Jahr von den Plänen der Landesregierung Baden-Württembergs erfahren, dass ein Teil der Kaserne zur LEA umfunktioniert werden sollte. Als die Pläne konkret wurden, schickte Weiß eine Initiativbewerbung für die Stelle des Leiters ab. Seit dem 1. April ist er im Amt. "Zu Beginn bestand die große Herausforderung darin, dass die LEA effizient funktioniert und wir den Menschen einen ersten guten Eindruck von Deutschland vermitteln." Die Mitarbeiter kommen von sieben verschiedenen Organisationen, darunter von einem Hotelbetrieb, einem Sicherheitsdienst, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und dem Regierungspräsidium Stuttgart. Die Flüchtlingskrise beschäftigt ihn Tag und Nacht. "Heute geht es vor allem darum, die Masse an Gästen menschenwürdig unterzubringen und zu versorgen. Eine Krise jagt die nächste", sagt Weiß. Und das unter erschwerten Bedingungen: Heute weiß der Leiter nicht, wie viele morgen vor dem Kasernentor stehen.

"Die viele Arbeit geht an die Substanz", sagt er. Als LEA-Leiter verdient er nicht mehr als vorher. Als Suchtbeauftragter war er Beamter in der Besoldungsklasse A13, das ist er als LEA-Leiter geblieben. Sein Grundgehalt liegt bei rund 4.000 Euro brutto. Doch für Geld und Karriere arbeitet Weiß nicht vorrangig. Ihm geht es um die Region, in der er fest verwurzelt ist. Die vielen Menschen in Not sind eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Der Job als LEA-Leiter war für ihn die Chance, eine wichtige Aufgabe für seine Heimat zu übernehmen – ohne dass er für eine neue berufliche Herausforderung die Heimat aufgeben musste. Alle seine Gäste mussten dies tun.