Industriemechaniker? Ein typischer Männerberuf. Ebenso Zerspanungsmechaniker. Noch immer haben Berufsbilder wie diese kaum Anziehungskraft auf junge Frauen. Noch immer verbinden junge Frauen Technikberufe mit körperlich schwerer, schmutziger Arbeit, die wenig kommunikativ und schon gar nicht kreativ ist. Und sie haben nicht zuletzt Angst, die einzige Frau unter vielen Männern zu sein.

Diese Klischees über sogenannte Mint-Berufe (Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) halten sich hartnäckig und führen dazu, dass immer noch mehr als die Hälfte aller jungen Frauen sich auf nur zehn von fast 400 möglichen dualen Ausbildungsberufen verteilt – eben die typischen "Frauenberufe" wie Verkäuferin, Friseurin, Erzieherin oder ein Pflegeberuf. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung prognostizierte Anfang Oktober, dass die Betriebe in Deutschland in 15 Jahren mit rund 80.000 Lehrlingen weniger auskommen müssen, falls sich dieser Trend fortsetzt. Das entspricht einem Rückgang um 17 Prozent. Hinzu kommt, dass immer mehr Schulabgängerinnen und Schulabgänger sich für ein Studium anstelle einer Lehre entscheiden. 

Dabei werden weder Männer noch Frauen mit einer Affinität zu technischen Berufen geboren. Davon sind Lea Schulte-Steinberg und Christina Reil Miralles überzeugt. Die beiden jungen Frauen haben gerade ihr zweites Ausbildungsjahr in eben diesen Berufen abgeschlossen. Und für sie gehörte das Klischee von ölverschmierten Männern in Technikberufen spätestens nach ihrem ersten Praktikum bei der Firma Gebr. Brasseler im ostwestfälischen Lemgo endgültig der Vergangenheit an. Heute engagieren sie sich dafür, dass sich mehr Frauen für eine Ausbildung in einem Mint-Beruf interessieren. Ihr Arbeitgeber beteiligt sich an der Initiative MINTrelation, die Schülerinnen und Studentinnen nicht nur Einblicke in den Joballtag in technischen Berufen geben soll, sondern ihnen auch Vorbilder zeigt – wie etwa die beiden Auszubildenden Lea und Christina.

Wie viele kleine und mittlere Betriebe ist auch der Medizintechnik-Hersteller vom demografischen Wandel und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel betroffen, zumal das Unternehmen in einer Region mit geringer Bevölkerungsdichte ansässig ist. Während große Firmen mit bekannten Markennamen sich teure Werbekampagnen leisten können, um den Nachwuchs für sich zu gewinnen, müssen kleinere Betriebe sich daher Außergewöhnliches einfallen lassen, um von den Schulabgängern und insbesondere den Mädchen wahrgenommen zu werden: ausgefallene Mitmachaktionen bei Azubimessen, Familienfeste, Schulkooperationen, Schnupperangebote für Mädchen, Aktionen, die sie als attraktiven Arbeitgeber sichtbar machen.

Auch Fachleute wie Christiane Flüter-Hoffmann vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln raten zur Imagepflege: "Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen werden in dem verschärften Wettbewerb um Fachkräfte dann das Nachsehen haben, wenn sie sich nicht auch als attraktiver Arbeitgeber und  interessanter Ausbildungsbetrieb darstellen können. Es reicht längst nicht mehr aus, nur auf den guten Ruf als Maschinenbauer oder Serviceanbieter zu vertrauen."

Der Medizintechnik-Hersteller Brasseler nutzt daher die Initative MINTrelation, um direkt in Kontakt und Dialog mit der Zielgruppe zu kommen. Bei einem Firmenrundgang unter der Führung der weiblichen Auszubildenden bekommen die Teilnehmerinnen direkte Einblicke in den Joballtag. Außerdem treffen die Frauen den Personalleiter und die Geschäftsführung. Sie wollen in einer ausführlichen Feedbackrunde erfahren, wie ihr Unternehmen auf die jungen Frauen wirkt und was sie ändern könnten, um für diese ein attraktiver Arbeitgeber zu werden.

Aha-Effekt in beide Richtungen

Der Aha-Effekt geht damit in beide Richtungen: Während die Schülerinnen und Studentinnen ihre Vorstellungen von den Berufsbildern mit einem Eindruck aus der Realität abgleichen können – viele von ihnen sehen zum ersten Mal eine Werkshalle von innen –, erhalten die Personalverantwortlichen wertvolle Anregungen. Wichtig sind den jungen Frauen ein wertschätzendes Betriebsklima und eine familienfreundliche Personalpolitik. "Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt für mich genauso wie gleitende Arbeitszeit oder die Möglichkeit, auch mal von zu Hause aus zu arbeiten, eine große Rolle. Ebenso wichtig sind für mich Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten", sagt etwa Tuğçe Ҫağlar. Sie studiert Wirtschaftsingenieurwesen und möchte im Mint-Bereich Karriere machen.

Weder Männer noch Frauen werden mit einer natürlich Affinität zu Technik geboren, davon sind die beiden Auszubildenden Lea Schulte Steinberg (angehende Zerspanungsmechanikerin, rechts) und Christina Reil Miralles (angehende Industriemechanikerin) überzeugt. © PR: Gebr. Brasseler GmbH & Co. KG

Viele Firmen haben verstanden, dass familienfreundliche Angebote und eine die Mitarbeiterinnen wie Mitarbeiter motivierende Unternehmenskultur nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern gewünscht sind. Um als Arbeitgeber attraktiv zu werden, investiert der Mittelstand in solche Angebote. Auch viele kleinere Betriebe haben inzwischen eigene Kindertagesstätten, flexible Arbeitszeitregelungen, gesundheitsfördernde Fitnessangebote und nach den Wünschen der Beschäftigten gestaltete Arbeits- und Aufenthaltsräume. Doch noch zu wenige kommunizieren das auch. Und wenn, dann noch zu wenig in Richtung der kommenden Generation. Wie sollen Mädchen auf die Vorzüge eines vorbildlichen Arbeitgebers aufmerksam werden, wenn er sich zwar schön macht für Frauen, aber keiner es bemerkt? Und so drehen sich viele Vorschläge der Schülerinnen und Studentinnen in den Feedbackrunden um das Thema Ausbildungsmarketing.

"Wir haben viel positives Feedback erhalten für unser Betriebsklima und die Familienfreundlichkeit. Ein vernichtendes Urteil erhielt aber unsere Homepage, die wir jetzt komplett überarbeitet haben, um sie interaktiver und informativer für Bewerberinnen zu gestalten", sagt Fatma Solak, Personalentwicklerin bei Brasseler.

Frauen achten auf Details

Auch andere Unternehmen nehmen das Feedback der potenziellen Bewerberinnen gerne an. Das Unternehmen Lenze – ein Antriebs- und Automatisierungsspezialist für den Maschinenbau, ebenfalls ansässig in der Region Ostwestfalen-Lippe – hat erfahren, dass es oft die kleinen Dinge sind, die den Ausschlag geben. "Zum Beispiel entsprechende Kleidung, in der sich Männer und Frauen wohl fühlen, und Teams gut zu mischen, weil der Diversity-Aspekt immer wichtiger wird", sagt Personalentwicklerin Verena Liane Ottermann. Der Mittelständler hat inzwischen nicht nur seine Unternehmenspräsentation in verständliche Sprache für Schülerinnen und Schüler übersetzt, sondern auch in einer teamübergreifenden Aktion neue Arbeitskleidung entworfen, die bei der Belegschaft sehr positiv aufgenommen wurden.

Reinhard Hölscher, Geschäftsführer der Gebr. Brasseler, möchte mehr Arbeitgeber ermutigen, sich an solchen Projekten zu beteiligen: "Wenn wir in Deutschland stets über die fehlenden Fachkräfte sprechen, dann können wir diesem Mangel einerseits durch Aktivitäten zur Bindung der bestehenden Belegschaft entgegenwirken. Wir müssen aber auch neue Potenziale und hier besonderes Frauen gewinnen. Zumal auch der betriebswirtschaftliche Nutzen nicht zu unterschätzen ist, denn: Unternehmen mit gemischtgeschlechtlichen Teams erzielen bessere Ergebnisse und arbeiten effizienter. Die Bestätigung dafür erhalten wir jeden Tag."