ZEIT ONLINE: Sie haben 2003 die Keksfabrik Hans Freitag von Ihrem Vater übernommen. Ihre Familie führt den Betrieb bereits seit Generationen. Wurden Sie auf die Rolle systematisch vorbereitet?

Anita Freitag-Meyer: Ich bin jetzt seit 25 Jahren im Unternehmen und habe hier auch meine Ausbildung gemacht. Als mein Vater sich 2003 aus dem Geschäft rauszog, gab es keinen schleichenden Übergang. Das brauchte es aber auch nicht, denn wir haben bis zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre nebeneinandergesessen und alles gemeinsam entschieden. Unsere Übergabe lief im Grunde 13 Jahre.

ZEIT ONLINE: Stand schon immer fest, dass Sie das Unternehmen übernehmen werden?

Freitag-Meyer: Bei uns, wir sind drei Schwestern, lief es ganz klassisch ab: Ich bin die Älteste und deshalb wurde mir in die Wiege gelegt, dass ich die Firma übernehmen werde. Die Erwartungshaltung meines Vaters war da ganz klar.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht einfach.

Freitag-Meyer: Als Kind empfand ich die Erwartungshaltung als belastend. Aber an meinem ersten Tag im Unternehmen war mir klar, dass das die beste berufliche Entscheidung meines Lebens war.

Mein Vater war dabei aber auch eine große Unterstützung. Ich agierte von Anfang an mit ihm auf Augenhöhe. Er hat mir sehr früh sehr viel zugetraut und auch immer wieder betont, dass Fehler zu machen mit dazu gehört, wenn man sich entwickelt.

ZEIT ONLINE: Mussten Sie sich nie gegenüber Ihrem Vater emanzipieren?

Freitag-Meyer: Ganz im Gegenteil. Bereits die Mutter meines Vaters hat im Unternehmen eine große Rolle gespielt. Meine Großmutter war eine taffe Frau. Deshalb hat mein Vater weder ein Problem mit Führungsfrauen gehabt, noch hat er seinen drei Töchtern wenig zugetraut. In den 13 Jahren unserer Zusammenarbeit gab es keinen Moment, in dem ich nicht auf Augenhöhe mit ihm gearbeitet habe.

ZEIT ONLINE: Wie sah Ihre Zusammenarbeit konkret aus?

Freitag-Meyer: Nach meiner Ausbildung erhielt ich einen Unternehmensanteil von zehn Prozent und stieg zur Geschäftsführerin auf. Da war ich 23 Jahre alt. Von da an ging ich bei meinem Vater in die Lehre, um in meine Chefrolle reinzuwachsen.

Unser Betrieb ist nicht nur hochtechnisch, sondern auch eine Männerdomäne. Meinem Vater graute davor, dass ich eine ewige Juniorchefin bleiben würde. Um das nötige Selbstbewusstsein zu bekommen, hat er mich deshalb ab und zu ins kalte Wasser geschupst. Als ich dann Mitte 30 war, ist er konsequent gegangen. Er hat nicht nur seinen Schreibtisch geräumt, sondern auch seinen Parkplatz, denn er wollte, dass ich als Chefin wahrgenommen und akzeptiert werde.

ZEIT ONLINE: Konnte Ihr Vater leicht loslassen?

Freitag-Meyer: Mein Vater nahm sich aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit. Nach der Genesung gefiel ihm die Freizeit allerdings so gut, dass er nicht wieder kam. Als Ansprechpartner stand er mir aber grundsätzlich immer zur Verfügung. Am Anfang zum Beispiel besprach ich jede Quartalsbilanz mit ihm. Bis zu seinem Tod habe ich aber bei jeder Neuentwicklungen seine Meinung eingeholt.

ZEIT ONLINE: Mussten Sie fachlich in die Rolle hineinwachsen?

Freitag-Meyer: Ich wollte nicht studieren, sondern Learning by doing in den Job reinwachsen. Mein Vater bestärkte mich in dieser Entscheidung und meinte, er würde mir alles beibringen, was ich brauchen würde. Aber obwohl ich mit meiner Entwicklung mehr als zufrieden sein kann, sehe ich es heute anders. Daher rate ich meinen Kindern, dass sie sich vor dem Einstieg ins Unternehmen draußen erst einmal umsehen sollen.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie anders als Ihr Vater?

Anita Freitag-Meyer: Wie mein Vater auch, bin ich kein wirklicher Teammensch. Und beide sind wir gerne Chefs. Mein Vater hat jedoch eher nach Gutsherrenart regiert. Ich bin da deutlich kommunikativer. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass eine harte Hand früher eher akzeptiert war als heute.

Mir persönlich ist Wertschätzung sehr wichtig. Ich möchte eine Chefin zum Anfassen sein. Und um meinen Mitarbeitern zu zeigen, dass das kein hohler Spruch ist, ist meine Tür für wirklich jeden Mitarbeiter offen.

ZEIT ONLINE: Hat sich das Unternehmen verändert, seit Sie im Chefsessel sitzen?

Freitag-Meyer: Obwohl die Lebensmittelindustrie noch nie so sicher war wie heute, hat sie keinen guten Ruf. Deshalb trete ich nach außen deutlich transparenter und kommunikativer auf als mein Vater: Ich bin zum Beispiel auf jeder Kekspackung mit einem Foto zu sehen oder poste selbst und oft bei Facebook. Mein Vater war für die Endverbraucher nicht so sichtbar.

ZEIT ONLINE: Besteht die ursprüngliche Führungsmannschaft noch immer?

Freitag-Meyer: Die Familie ist bei uns generell das Oberhaupt der Firma. Allerdings hatte schon mein Vater drei Prokuristen. Das habe ich beibehalten. Es gibt einen Betriebs-, Vertriebs- und kaufmännischen Leiter. Zwei davon habe ich von meinem Vater übernommen, einen habe ich eingestellt.

ZEIT ONLINE: Sie haben zwei Kinder. Was raten Sie Frauen, die Kinder und Karriere unter einen Hut bringen möchten?

Freitag-Meyer: Einfach machen. Ich wollte immer Kinder und habe nie infrage gestellt, dass das nicht vereinbar ist mit meinem Job. Ich weiß aber auch, dass ich mit meiner Kinderfrau, dem Laufgitter im Büro und der Möglichkeit, meine Kinder auf meinem Schreibtisch wickeln zu können, ohne dass jemand etwas dagegen sagen konnte, eine sehr privilegierte Situation hatte. Ferner ist mein Mann ebenfalls selbstständig und konnte mich daher voll unterstützen. Einzig die Abholzeiten in der Kita und dem Kindergarten waren problematisch. Zu meiner Zeit wurden die Kinder nur bis maximal 13 Uhr betreut. Das stellte für uns oft eine Herausforderung dar.

Ebenfalls hilfreich empfand ich mein Alter. Ich bekam meine Kinder mit 26 und 27 Jahren. Ich hatte seinerzeit nicht nur noch mehr Kraft als später, sondern auch meinen Vater im Unternehmen, mit dem ich mir die Aufgaben teilte. Bereits ein paar Jahre später wäre es wesentlich schwieriger geworden.