ZEIT ONLINE: Beim VW-Skandal hat Martin Winterkorn früh die Verantwortung für den Abgasskandal übernommen und seinen Posten geräumt. Welchen Vorteil hat es für Manager, so früh wie möglich zu gehen?

Cornelia Marquardt: Gerät ein Unternehmen negativ in die Schlagzeilen, richten sich alle Augen auf die Unternehmensspitze. Dabei kann – unabhängig von einer persönlichen Verfehlung des Betroffenen – der Druck auf das Unternehmen oder einzelne Manager so groß werden, dass der Rücktritt eines Spitzenmanagers als einziges Mittel angesehen wird, weitere Schäden vom Unternehmen abzuwenden oder die Einzelperson aus dieser Drucksituation zu lösen.

 ZEIT ONLINE: Wie können überhaupt Skandale solchen Ausmaßes wie bei VW passieren – dass ein Betrug dieser Größenordnung irgendwann herauskommt, muss einem Management doch klar sein.

Marquardt: Den konkreten Fall bei VW kann ich nicht beurteilen. In der Regel liegt Managementfehlern aber keine bewusste Entscheidung zugrunde, einen Betrug zu begehen. Auslöser von Fehlentscheidungen kann ein hoher interner Druck sein, auf Anforderungen des Marktes schnell zu reagieren. Hier kann es einem Mitarbeiter dann vorrangig darum gehen, die akute Last loszuwerden. Wird eine daraus folgende Fehlentscheidung später nicht aufgedeckt und korrigiert, können sich die Folgen daraus potenzieren, weil in unserer stark arbeitsteiligen Welt nur noch wenigen Managern ein Gesamtüberblick möglich ist.

ZEIT OLNINE: Und wer haftet bei einem Schaden, der durch einen Skandal verursacht wird: Der Mitarbeiter, der den Schaden verursacht hat, der Abteilungsleiter, der ihn hätte stoppen müssen oder die Geschäftsführung, die die Gesamtverantwortung für das Unternehmen trägt?

Marquardt: Man muss hierbei einerseits zwischen der inneren und der äußeren Haftung und andererseits zwischen der obersten Führungsebene und den regulären Mitarbeitern unterscheiden. Für reguläre Angestellte hat die Rechtsprechung Grundsätze einer sehr reduzierten Innenhaftung entwickelt, sodass ein voller Schadensersatzanspruch des Unternehmens fast nur bei vorsätzlichem Verhalten des Mitarbeiters in Betracht kommt.

Auch die Unternehmensleitung haftet dem Unternehmen gegenüber jedoch nicht für jede Fehlentscheidung. Die Gerichte berücksichtigen hier, dass grundsätzlich jede Managemententscheidung das Risiko eines Fehlschlags beinhaltet und deshalb ein ausreichend großer Entscheidungsspielraum bestehen muss. Entscheidend ist deshalb, ob der Manager zum Zeitpunkt seiner Entscheidung davon ausgehen durfte, zum Wohle des Unternehmens zu handeln. Ist das der Fall, muss er meist nicht haften.

Bei der Außenhaftung geht es dagegen um eine Haftung gegenüber Dritten – diese ist nur in Ausnahmefällen gegeben, wenn direkt in geschützte Rechte Externer eingegriffen wurde oder der Betroffene einen persönlichen Vertrauenstatbestand gesetzt hat.

ZEIT ONLINE: Wer kann alles einen Schadensersatz anmelden?

Marquardt: Alle Geschädigten können versuchen, gegenüber dem Unternehmen einen Schadensersatz geltend zu machen. Wer Geschädigter ist, hängt natürlich vom konkreten Skandal, Schaden und Unternehmen ab. Bei einem internationalen Großkonzern können beispielsweise neben den Verbrauchern auch die Aktionäre sowie der eigene Staat oder auch fremde Staaten dazu zählen – vor allem, wenn Subventionen geflossen sind.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn das Unternehmen oder der verantwortliche Manager nicht zahlen können?

Marquardt: Kann ein Unternehmen berechtigte Schadensersatzforderungen nicht begleichen, kann dies in letzter Konsequenz zu einem Insolvenzverfahren führen. Für Ansprüche gegenüber der Unternehmensleitung schließen viele Unternehmen mittlerweile eine "Directors-and-Officers"-Versicherung (D&O-Versicherung) ab. Diese spezielle Haftpflichtversicherung zahlt bei Ansprüchen, die von außen an das Unternehmen gestellt werden, weil der zuständige Manager seine Pflicht verletzt hat.