Jeder vierte Deutsche arbeitet am späten Abend zwischen 18 und 23 Uhr. Im Jahr 1992 war es noch jeder siebte. Das stellt eine neue Untersuchung des Statistischen Bundesamts fest. Auch die Nachtarbeit hat demnach zugenommen: Heute muss fast jeder Zehnte nachts zwischen 23 und 6 Uhr arbeiten. Besonders Selbständige sind von überlangen Arbeitszeiten betroffen: 53 Prozent von ihnen arbeiten mehr als 48 Stunden in der Woche. Immerhin: Der Anteil der Arbeitnehmer mit so langen Arbeitszeiten ist leicht zurückgegangen. Nur 13,6 Prozent der Festangestellten arbeiten regelmäßig mehr als 48 Stunden in der Woche. Erlaubt ist das eigentlich nicht: Das Arbeitszeitgesetz schreibt für Arbeitnehmer eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden vor. Wird sie überschritten, muss zeitnah ein Ausgleich erfolgen.

Die neuen Zahlen zeigen, wie stark sich die Arbeitswelt im Wandel befindet. Und mit ihr der Umgang mit den Arbeitszeiten. Erst im Sommer machte die Forderung der Arbeitgeberverbände (BDA) Schlagzeilen, das Arbeitszeitgesetz zu lockern. "Um mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden, sollte das Arbeitszeitgesetz von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umgestellt werden", heißt es in dem Positionspapier des BDA. Der fixe Acht-Stunden-Tag solle abgeschafft werden, das Arbeitszeitgesetz mit der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepause von elf Stunden zwischen zwei Arbeitseinsätzen gelockert werden. Das würde Beschäftigten wie Unternehmen mehr Zeitsouveränität geben, argumentieren die Befürworter.

Tatsächlich wünschen sich viele Beschäftigte flexible Arbeitszeiten. Das kommt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und dem Privatleben entgegen. Was sie sich aber nicht wünschen, ist mehr Arbeit. Schon heute leidet jeder Dritte unter permanentem Stress. Und jeder Zweite arbeitet auch im Urlaub und am Wochenende – weil es keine Vertretung für ihn gibt.

Tatsächlich müsste das nach den geltenden gesetzlichen Regelungen vom Arbeitgeber im Rahmen seiner Fürsorgepflicht verhindert werden. In der betrieblichen Praxis passiert das aber selten.

Denn in vielen Unternehmen wird ohnehin Vertrauensarbeitszeit praktiziert, und die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen immer stärker. Es ist daher zu befürchten, dass eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes nur in eine Richtung geht: Noch mehr Arbeitsdruck für den einzelnen, noch mehr Flexibilität für die Arbeitgeber.

In der Regel steht keine Selbsterfüllung dahinter, wenn Beschäftigte nach Feierabend noch dringliche Anfragen beantworten. Meist verbergen sich hinter dem abendlichen Arbeitseinsatz Angst und Druck. Das vermeintliche Engagement ist oft das Ergebnis einer zunehmenden indirekten Steuerung von Beschäftigten. In einer Arbeitswelt, in der eine autoritäre Führung von oben nach unten angeblich nicht mehr zeitgemäß ist, werden Mitarbeiter über Benchmarks und Zahlen geführt: Das Unternehmen ruft ein Ziel aus, die Mitarbeiter müssen dieses erreichen. Und sie sollen dabei möglichst "ressourcenschonend" arbeiten – sprich: so billig wie möglich. Wie sie das Ziel konkret erreichen, das bleibt den Beschäftigten überlassen. Der Chef steht ihnen allenfalls als "Coach" beiseite. Ein Coach, der allerdings bei fehlender Leistung auch kündigen kann.

Dank People Analytics und Big Data erfassen und verwerten Unternehmen zunehmend alles, was Arbeitnehmer an Daten hinterlassen. So werden abhängig Beschäftigte dazu gebracht, wie kleine Unternehmer zu denken und zu handeln. Sie kennen ihre eigenen Benchmarks und versuchen, diese zu steigern. Kommt dann noch harter Wettbewerb unter den Beschäftigten, zusätzlicher Druck durch befristete Verträge oder Konkurrenz von Freelancern dazu, ist eine Entwicklung vorprogrammiert, in der die Arbeit alles auffrisst.

Starke Gesetze schützen Arbeitnehmer

Noch aber schützen Arbeitszeitgesetz und rechtliche Rahmenbedingungen abhängig Beschäftigte vor einem totalen Raubbau ihrer Zeit zugunsten der Arbeit. Der Schutz ist in der Regel da größer, wo Tarifverträge greifen und wo Arbeitnehmervertreter ihre Mitbestimmungsrechte ausüben. Aber beides gilt ebenso wie der fixe Acht-Stunden-Tag oder die vorgeschriebene Ruhepause von elf Stunden als nicht mehr zeitgemäß. Der Anteil der Beschäftigten, die Mitglied in einer Gewerkschaft sind, sinkt kontinuierlich. Nicht einmal jeder Zweite arbeitet heute noch unter tariflichen Bedingungen, die aber ohnehin nur Mindestarbeitsbedingungen regeln. Und die Zahl der Selbstständigen, die keinerlei Schutz unterstehen, steigt stetig.

Mehr als 4,2 Millionen Menschen gingen laut Mikrozensus im Jahr 2012 in Deutschland einer Selbständigkeit nach. 1992 gab es nur 1,6 Millionen. Nicht alle haben die Freiberuflichkeit einer Festanstellung vorgezogen. Viele machen sich als Alternative zur Arbeitslosigkeit selbstständig. Parallel setzt in einigen Branchen das ein, was Zukunftsforscher als kommendes Modell für unseren Arbeitsmarkt beschreiben: Unternehmen setzen verstärkt auf Projektarbeit. Mitarbeiter werden nicht mehr unbefristet festangestellt, man heuert stattdessen Freelancer an. Für die werden keine Sozialversicherungsbeiträge fällig. Und für sie gilt auch kein Kündigungsschutz. In der IT-Branche wie auch in der Medienbranche ist das heute schon gängig – nicht zuletzt, weil es günstiger ist und die Unternehmen flexibler macht. Und beide Branchen werden von Berufssoziologen als Motor für künftige Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt beschrieben.

Fatal daran ist, dass die Generation der Berufseinsteiger diese Form der atypischen Beschäftigung auch willig annimmt. Erst kürzlich ergab eine Studie der Hochschule Ludwigshafen im Auftrag eines IT-Personaldienstleisters, dass sich jeder zweite Informatikstudent eine Selbstständigkeit vorstellen kann. Jeder Fünfte plant, gleich nach dem Abschluss als Freelancer loszulegen. In dieser Beschäftigungsform sehen die Absolventen am ehesten die Möglichkeit, selbst über ihre Arbeits- und Freizeit bestimmen zu können. Sie betonen auch, dass sie es als Selbstständige stärker in der Hand haben, an welchen Projekten sie arbeiten. Nicht wenige sind bereit, für diese vermeintliche Freiheit auch etwas weniger Geld zu verdienen. Angeblich ist der jungen Generation die Selbstverwirklichung wichtiger als das Einkommen. Und viele sind auch bereit, für ihre Selbsterfüllung länger als die gesetzlich vorgeschriebene Höchstarbeitszeit zu arbeiten.

Die Schwachen könnten untergehen

Doch nicht alle werden in Zukunft mit diesem Selbstbewusstsein auf dem Markt bestehen können und unter den besten Arbeitgebern und Projekten wählen können. Der Zukunftsforscher Ayad Al-Ani, der sich seit Jahren mit den Auswirkungen des digitalen Wandels beschäftigt, befürchtet eine Gesellschaft, in der die Schwachen untergehen könnten.

Erste Entwicklungen dahingehend zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes bereits heute: Trotz Fachkräftemangels gibt es immer noch viele Langzeitarbeitslose. Und viele finden trotz großer Anstrengungen nur eine Teilzeitbeschäftigung, in der das Einkommen nicht zum Leben reicht. Männer sind hier mit 18,5 Prozent häufiger betroffen als Frauen mit 12,4 Prozent. Der Anteil der unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten hat sich seit 1992 fast verdreifacht. Während die einen also zu viel arbeiten, bleibt für andere zu wenig.

Wollen wir einen Arbeitsmarkt, auf dem Menschen nicht bloß Humankapital sind, dann bleiben starke Gesetze wichtig. Dann sind starke Arbeitnehmervertretungen und demokratische Mitbestimmung durch die Beschäftigten wichtig, wie sie kürzlich auch vom Manager Thomas Sattelberger gefordert wurden. Das Arbeitsrecht gibt Unternehmen heute schon genügend Flexibilität.