WirtschaftsWoche: Frau Kroll, wie rau ist das Klima in den Unternehmen?

Heike Kroll: Wollen Unternehmen einen Manager loswerden, schrecken sie auch nicht davor zurück, ihn zu erniedrigen und vor der Belegschaft zu blamieren oder einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen.

WirtschaftsWoche: Wie sieht das aus?

Kroll: Da wird ein Manager, der sich bis dahin nichts zuschulden kommen ließ, aber eben gekündigt wurde, behandelt wie ein Sträfling. Es gibt immer wieder Fälle, in denen die Führungskraft nach Übergabe der Kündigung im Büro des Geschäftsführers oder des Personalers in sein Büro begleitet wird, wo er gleich seine persönlichen Habseligkeiten in einen Karton packen darf – natürlich unter Beobachtung. Anschließend wird er von zwei Leuten vom Wachdienst ans Werkstor begleitet. Unter den Augen der gesamten Belegschaft muss er unter Umständen mit seinem Karton in den Händen während der allgemeinen Arbeitszeit durch Werkshallen oder die Produktion laufen.

Die Situation ist peinlich, die Mitarbeiter tuscheln, die Gerüchteküche beginnt zu brodeln. Getoppt wird das nur noch mit dem gleichzeitigen Entzug des Dienstwagens, was man schlimmstenfalls erst am Ausgang draußen erfährt, um die Überraschung perfekt zu machen. Man darf dann schön am Werkstor auf sein Taxi warten.

WirtschaftsWoche: Ist das gängige Praxis?

Kroll: Noch häufiger kommt es vor, dass die Führungskraft nicht durch ein persönliches Gespräch mit dem Vorgesetzten oder der Personalabteilung, sondern über den Flurfunk oder durch eine interne Rundmail erfährt, dass ab dem Zeitpunkt xy Herr MüllerMeierSchulz die Abteilung, die er bis dato inne hatte, übernehmen wird. Der Mitarbeiter weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts von seinem Glück.

WirtschaftsWoche: Ist das früher weniger rücksichtslos abgelaufen?

Kroll: Das Bewachen beim Einräumen der persönlichen Sachen im Büro mit der Begleitung durch den Werksdienst hat es bereits früher gegeben. Hier kann man fast eine schlichte Gleichung aufstellen: Je größer die Möglichkeiten, dem Unternehmen Schaden zuzufügen und je überraschender die Kündigung, umso mehr haben Unternehmen diesen Überrumpelungseffekt genutzt. Was sich aber in den letzten Jahren deutlich verändert und vervielfältigt hat, ist die Tendenz durch interne Kommunikation scheinbar vollendete Tatsachen zu schaffen. Damit hat man zumindest psychologisch einen Punkt Vorsprung.