"Die Gefahr der Traditionalisierung ist da" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Frau Kleinschmidt, Sie haben zwei Kinder und sind selbstständig mit einem eigenen Redaktionsbüro. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Familie und Beruf?

Carola Kleinschmidt: Ich teile mir die Arbeit mit meinem Partner zu etwa gleichen Teilen auf. Ich arbeite jeden Tag von 9 bis 15 Uhr, also etwa 30 Stunden in der Woche. Auch mein Mann hat seine Arbeitszeit reduziert. Er arbeitet vier Tage die Woche, ein Tag in der Woche gehört der Familie. So klappt es von der Zeit ganz gut, und wir haben außerdem genug Einkommen.

ZEIT ONLINE: Aber Sie haben sich die Familienarbeit nicht immer gleich geteilt?

Kleinschmidt: Nein. Beim ersten Kind sind wir überraschenderweise und obwohl wir es überhaupt nicht wollten in ein traditionelles Muster verfallen. Das ging ganz automatisch. Als unser ältester Sohn geboren wurde, gab es die Elternzeit und das Elterngeld noch nicht. Ich war selbstständig, mein Partner festangestellt. Da war die Frage, wer zu Hause bleibt, dann auch eine finanzielle. Mein Mann ist außerdem kurz nach der Geburt unseres Sohnes befördert worden.

Ich glaube, Chefs spüren das. Wenn ein Mann Vater wird, dann ist er erwachsen und reif dafür, auch mehr Verantwortung in der Firma zu übernehmen. Ich kenne viele Beispiele, wo das ganz ähnlich wie bei meinem Mann war. Mitunter wird das sogar konkret so geäußert.

ZEIT ONLINE: Und frisch befördert war dann an keine Auszeit zu denken?

Kleinschmidt: Mein Partner hat sich vier Wochen Auszeit genommen, aber danach hat sich unsere Rollenteilung traditionalisiert. Ich war im ersten Lebensjahr unseres ältesten Sohnes zu Hause und bin dann langsam wieder in den Beruf eingestiegen. Zum Glück hatten wir eine Nachbarin, die als Tagesmutter eingesprungen ist. Aber mir ist die erste Zeit des Wiedereinstiegs auch durchaus schwer gefallen. Das hätte ich mir vorher gar nicht vorstellen können.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Kleinschmidt: Das Kind war völlig auf mich fixiert, und ich war völlig auf das Kind fixiert. Diese enge Bindung zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebenswochen entwickelt ja eine eigene Dynamik. Das hätte ich selbst so nicht gedacht. Ich hatte eine Mutter, für die ihre Berufstätigkeit normal war. Und genau so wollte ich Familie und Beruf auch leben. Aber dann fand ich mich wieder als Mutter, die natürlich auch das Beste für ihr Kind wollte. Es heißt so oft, Mütter sollten ihrer Intuition folgen. Nur, ganz ehrlich: Ich hatte diese Intuition nicht.

Und dann neigt man dazu, dem Kind jeden Wunsch zu erfüllen. Dann findet schnell eine Überbehütung statt, die nicht so gut ist für das Kind. Und für einen selbst schon gar nicht – und auch für den Vater nicht. Denn dann verliert man sich selbst und als Paar. Ich beobachte oft bei jungen Eltern, wie die Väter außen vor geraten, weil sie ja diejenigen sind, die in der Regel weiterhin Vollzeit arbeiten gehen. Sie verpassen viele wichtige Momente. Auf einmal hat man eine Situation geschaffen, in der das Kind beispielsweise nur noch von der Mutter ins Bett gebracht werden will und ansonsten so laut schreit, dass man glaubt, gleich rufen die Nachbarn das Jugendamt. Für den Vater ist so etwas durchaus eine Kränkung. Nur Paare reden nicht darüber. Denn die eigenen Vorstellungen mit der Realität abzugleichen und der Dynamik entgegenzutreten, die sich schnell einschleicht – all das erfordert Kraft. Und besonders in den ersten Monaten mit durchwachten Nächten fehlt diese Kraft. Viele Männer suchen in dieser Situation nach ihrer Vaterrolle. Die meisten wollen eine moderne Rolle leben, aber sie finden nur wenige Modelle. Der Rückgriff auf den traditionellen Entwurf des Ernährers ist da naheliegend.

ZEIT ONLINE: Was sollten Eltern Ihrer Meinung nach tun?

Kleinschmidt: Sich die Arbeit und die Zuständigkeit teilen. Das heißt, dass die Frau auch abgibt und ihren Partner machen lässt, und zwar auf seine Weise. Dass etwa er dafür zuständig ist, das Kind ins Bett zu bringen, und wenn es Theater gibt, dann sollte sie sich raushalten. Alles andere führt zu dem Phänomen, das Soziologen als maternal gatekeeping beschreiben. Die Frauen geben die Aufgaben nicht wirklich ab, sie beäugen ihren Partner kritisch. Dabei haben doch auch die Mütter die gleichen Probleme, nur geben sie oft nicht so schnell auf wie die Väter.

ZEIT ONLINE: Beim zweiten Kind haben Sie dann vieles anders gemacht?

Kleinschmidt: Da war klar, dass es anders sein sollte. Ich bin knapp die ersten acht Monate zu Hause geblieben, danach hat mein Partner sechs Monate Elternzeit genommen und sich um die Kinder gekümmert. Dann ging auch der Kleine in die Kita. In seiner Elternzeit war mein Mann für alles zuständig. Er musste seine Lösungen für die alltäglichen Probleme finden. Das war gut für ihn, und es war gut für unsere Kinder, weil sie gelernt haben, dass Papa es anders macht. Mein Partner hat da erst verstanden, was ich vorher alles geleistet habe. Früher wusste er nicht, wie sich ein ganzer Tag mit den Kindern anfühlt – und wie erschöpft man danach sein kann.

Jetzt war ihm klar, welches Projektmanagement Familie eigentlich bedeutet, dass zwei Kinder jede Menge Multitasking, Konzentration und Verantwortung erfordern und dass auch Langeweile und Fremdbestimmung damit einhergehen. Seine Elternzeit hat alles verändert, unser Familienleben ist jetzt viel gleichberechtigter, weil wir die Verantwortung wirklich teilen. Die geteilte Elternzeit hat uns als Paar noch einmal stärker zusammengebracht.

"Der Rückgriff auf den Ernährer und Beschützer ist naheliegend"

ZEIT ONLINE: Wie definieren Sie gleichberechtigte Aufteilung?

Kleinschmidt: Oft ist es so, dass die Mutter die Hauptverantwortung für das Kind trägt und der Vater eher ein bisschen mithilft. Er bringt vielleicht das Kind morgens in die Kita, aber angerufen wird am Ende die Mutter, wenn das Kind erkrankt. Ich unterscheide da verschiedene Verantwortungsebenen. Wer wirklich Verantwortung für die Familie übernimmt, weiß genau, wofür sich das Kind interessiert, wer seine Freunde in der Kita sind und welches das aktuelle Lieblingskuscheltier ist. Er entscheidet mit, welche Schule gewählt wird und welcher Kinderarzt. Wenn ich all die Mütter sagen höre, ihre Männer würden sie gut unterstützen, obwohl diese Vollzeit arbeiten, aber immer nur die Mütter am Elternabend teilnehmen oder das Sommerfest organisieren, dann gehe ich nicht von einer gleichberechtigten Teilung der Verantwortung aus.

ZEIT ONLINE: Wie verhindert man eine Traditionalisierung?

Kleinschmidt: Aus unseren Erfahrungen beim ersten und zweiten Kind weiß ich jetzt: Wenn sich beide Partner die Elternzeit gleich teilen, dann schafft das eine ganz andere, gleichberechtigte Voraussetzung. Dann vertraut man dem anderen auch als Elternteil. Und dann wissen beide, worüber sie sprechen, wenn sie Erziehungsfragen diskutieren. Denn dann reden zwei Experten in der Sache und finden eine Lösung, die beide mittragen, auch wenn man sich nicht immer sofort einig ist.

Cover von "Kinder + Karriere = Konflikt?" © PR: Stark-Verlag

ZEIT ONLINE: Kommt es nicht auch deshalb oft zu einer Traditionalisierung, weil sich die Frau auf einmal vor allem als Mutter definiert?

Kleinschmidt: Das spielt sicher eine Rolle. Aber machen wir uns doch nichts vor: Die Geburt eines Kindes bedeutet ja, dass sich sowohl Männer als auch Frauen in einer neuen Rolle erleben und diese Rolle ein neuer Teil der Identität wird. Bei Frauen ist diese Erfahrung früher und vielleicht auch stärker ausgeprägt, weil sie durch die Schwangerschaft das Entstehen dieses neuen Lebens ganz unmittelbar erfahren. Und wer sich für das Stillen entscheidet, erlebt in den ersten Lebensmonaten des Kindes ja auch, dass diese kleine Person so völlig von einem als Mutter abhängig ist. Es wäre verrückt, diese Erfahrung völlig auszublenden. Aber trotzdem sind Mütter ja noch die gleichen Personen wie vorher. Sie vergessen ja nicht, wer sie sonst sind und was sie beruflich getan haben. Ich habe mich auch weiterhin als Journalistin und Autorin gesehen, als Partnerin, als Tochter, als Freundin.

ZEIT ONLINE: Und die Männer?

Kleinschmidt: Auch bei Vätern steht das Erleben der neuen Rolle stark im Fokus. Nur gibt es eben wenige neue Rollenmuster, aus denen Männer heute wählen können. Da ist der Rückgriff auf den Ernährer und Beschützer naheliegend.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie wieder in den Beruf eingestiegen?

Kleinschmidt: Beim ersten Kind habe ich langsam nach einem Jahr wieder angefangen. Wenn man als Freiberufler über ein Jahr lang raus ist, muss man erst einmal akquirieren. Entsprechend hat es eine Weile gedauert, wieder Fuß zu fassen. So richtig gearbeitet habe ich erst wieder, als unser Sohn in den Kindergarten ging. Beim zweiten Kind war meine Auszeit ja nicht ganz so lang, aber auch hier musste ich erst einmal wieder Akquise machen, dann habe ich mein Pensum nach und nach gesteigert. Letztlich empfinde ich die Freiberuflichkeit als vorteilhaft für die Vereinbarkeit, denn so bin ich flexibel, meine Arbeitszeiten selbst zu bestimmen. Natürlich habe ich als Selbstständige auch Deadlines einzuhalten, aber die Umstände der Arbeit – etwa wann ich im Büro arbeite – bestimme ich weitgehend autonom. Denn die Probleme mit der Vereinbarkeit hören ja nicht auf, wenn das Kind in den Kindergarten kommt.

ZEIT ONLINE: Stichwort fehlende Ganztagsschulen.

Kleinschmidt: Genau. Während wir bei den Kindergärten besonders in den Städten ein gutes Netz an Betreuung und auch halbwegs flexiblen Betreuungszeiten haben, sieht das Bild schon wieder ganz anders aus, wenn die Kinder in die Schule kommen. Auf einmal hat man ab mittags wieder ein Betreuungsproblem, wenn man keinen Platz im Hort bekommt. Und wenn man mehrere Kinder hat, geht der große Spaß erst richtig los. Dann ist das kleinste vielleicht in der Krippe, das mittlere im Kindergarten und das größte in der Schule. Allein die Kinder hinzubringen und abzuholen wird zur Managementherausforderung. Und bringen Sie das mal mit zwei vollgestopften Terminkalendern der Eltern zusammen, die vielleicht in Vollzeit arbeiten. Abgesehen davon: Für kranke Kinder müssen Eltern sowieso zu Hause sorgen. Ganztags.

"Eine traditionelle Rollenteilung birgt weniger Konflikte"

ZEIT ONLINE: Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden?

Kleinschmidt: Wir brauchen ein stark und gut ausgebautes Betreuungssystem. Besonders Ganztagsschulen, in denen auch der Unterricht auf einen entsprechenden Lernrhythmus abgestimmt ist. Außerdem sollte die Kinderbetreuung für alle erschwinglich sein. Wir haben etwa 500 Euro im Monat für die Betreuung bezahlt. Auch wenn ein Teil der Kosten steuerlich absetzbar ist – 500 Euro sind schon happig. Für viele Familien gehen die Betreuungskosten ans finanzielle Limit dessen, was sie für Fremdbetreuung bezahlen möchten. Oder sie stehen Krippe und Kita sowieso kritisch gegenüber. Und da ist dann ganz klar, dass es zu der Überlegung kommt, ob es am Ende nicht günstiger ist, wenn einer von beiden gar nicht arbeitet. Und steuerlich wird so ein Modell durch das Ehegattensplitting ja auch gefördert.

ZEIT ONLINE: Was braucht es noch?

Kleinschmidt: Eine Kultur der Offenheit und Empathie. Ich sage im Geschäftsleben beispielsweise oft nicht, dass ich an einem bestimmten Tag nicht kann, weil ich da vielleicht die Kinder früher abholen muss, sondern rede schlicht von einem wichtigen Termin. Warum sollte mein Privatleben die Auftraggeber interessieren? Für sie ist ja nur wichtig, wann ich erreichbar bin und wann nicht. Und ich möchte ja gar nicht mit jedem Kunden sofort über meine familiäre Situation sprechen. Also öffne ich die Tür erst gar nicht. Viele Mütter verbiegen sich. Sie wollen als Mutter gesehen werden und zugleich als professionelle Person. Ich glaube, häufig überfordert dies das Gegenüber. Wir brauchen hier aber auch weniger Perfektionismus. So viele junge Eltern streben danach, möglichst alles richtig zu machen. Und am Ende kommt es dann zum Phänomen der Helikoptereltern, die ihr Kind sogar noch mit zum Studieren im ersten Semester begleiten. Eltern sollten lernen, auch mal loszulassen. Darüber hinaus wäre es schön, wenn sich die Erwartungen an Mütter und Väter etwas der Realität anpassen.

ZEIT ONLINE: Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Stress und Burnout und haben dazu auch mehrere Bücher geschrieben. Was raten Sie Eltern, damit sie nicht ausbrennen?

Kleinschmidt: Dass sie miteinander reden – auch über die Details. Dass sie miteinander aushandeln, wie sie sich die Arbeit teilen und dass jeder jederzeit sagen darf, wenn es ihm zu viel wird. Es ist wichtig, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten. Wenn wir den ganzen Tag damit beschäftigt sind, es dem Chef, den Kunden, den Kollegen und den Kindern recht zu machen, besteht ein Risiko, sich selbst erheblich zu vernachlässigen. Eine Zeit mag das funktionieren, auf Jahre aber nicht. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, mir einen Abend in der Woche fest einzuplanen, der für mich ist und an dem ich etwa Freunde einlade und ein soziales Leben führe. Mein Partner und ich wechseln uns dann bei der Betreuung ab, sodass auch der andere Freiräume hat. Vorher ist es natürlich wichtig, herauszufinden, wie viel Freiraum man braucht. Und natürlich sollte man sich als Paar Zeit einplanen. Alle paar Monate mal ein kinderfreies Wochenende, an dem man sich als Mann und Frau erlebt.

ZEIT ONLINE: Was braucht es noch?

Kleinschmidt: Das Eingeständnis, dass man es niemals allen und jedem Recht machen kann. Auch dem eigenen Kind nicht immer.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sagen, dass das 50:50-Modell, das Sie heute mit Ihrem Partner leben, das beste ist?

Kleinschmidt: Für uns ist es sicherlich am besten, aber das gilt bestimmt nicht für alle anderen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Modell am ehesten zu Konflikten führt, weil man alles immer wieder neu aushandeln muss. Ich denke, eine traditionelle Teilung – egal, ob nun er oder sie die Familienarbeit übernimmt und der andere arbeitet – birgt weniger Konflikte. Da wird einmal entschieden. Nur ist so ein Modell dann fatal, wenn es einer von beiden nicht mehr leben will. Bei einer gleichberechtigten Teilung haben beide die Chance, daran mitzuwirken, dass die eigenen Bedürfnisse und die des anderen auch erfüllt werden.

Dieses Interview ist ein Abdruck aus dem Buch "Kinder + Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte" von ZEIT-ONLINE-Redakteurin Tina Groll. 255 Seiten, 17,95 Euro, erschienen im Stark-Verlag.